Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung

  • 0

Michael Wildts Buch beschreibt nicht einfach die „Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939“ sondern setzt diese in Bezug zur Volksgemeinschaft, die nicht von den Nationalsozialisten erfunden wurde. Das erste Kapitel „Volksgemeinschaft als politischer Begriff“ ist ein hervorragende Schilderung, die nicht nur aufzeigt, wie diese im Ersten Weltkrieg entstanden ist, sondern auch das Verhältnis der Weimarer Parteien zur Volksgemeinschaft, die später zur Ausgrenzung führte.

Manche Deutsche und viele Österreicher neigen dazu, den tief eingewurzelten Antisemitismus zu leugnen und dieses Phänomen auf die nationalsozialistische Periode zu reduzieren. Wildt dokumentiert im zweiten Kapitel die „Antisemitische Gewalt in der Weimarer Republik“ aufgrund der in Moskau gelandeten Akten des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.), der während dieser Jahre die antisemitische Hetze und die darauf folgenden Ausschreitungen registrierte. Nicht nur Nationalsozialisten hetzten damals, auf einer Massenversammlung von Bauern in Würzburg im April 1920 erklärte der Führer der Bayerischen Volkspartei, dass die Bauern gern die geforderten Kontingente an Lebensmittel liefern würden, aber zugleich fordern würden, „daß die 80000 verlausten Ostjuden hinausgeworfen“ würden. Der Zeitungsartikel notierte: „Zurufe: Schlagt sie tot!“

Im Herbst 1923 wurde im Berliner Scheunenviertel ein regelrechter Pogrom veranstaltet, nachdem man den Juden die Verantwortung für die galoppierende Inflation unterschob. Mindestens ein Toter war zu beklagen, etliche Menschen waren verletzt worden, zum Teil schwer. Der Geschäftsführer des C.V. in Berlin wurde von einer Menge schwer misshandelt. Ladenbesitzer im Scheunenviertel versuchten sich mit Schildern wie „Christliche Geschäftsleute“ vor Plünderungen zu schützen. Auch anderswo kam es zu Pogromen, so in Beuthen (Oberschlesien), hier wüteten im September 1923 Hunderte junge Männer in der Stadtmitte, schlugen Menschen mit Knüppeln krankenhausreif. 20 Opfer erlitten schwere Verletzungen. Die C.V. Zeitung berichtete, dass Rufe wie „Schlagt die Juden tot“ oder „Morgen ist Hitler da, dann kaufen wir alles umsonst“ laut wurden.

In einem Fall – in Ortelsburg – gelang es antisemitischen Agitatoren eine Arbeiterdemonstration gegen die Teuerung antisemitisch zu drehen und zur Gewalt aufzustacheln. „Dass in den Berichten immer wieder von Mengen die Rede ist, die Geschäfte plünderten und sich an den Gewaltaktionen beteiligten, verweist darauf, dass sich die Täter nicht nur auf klar einzugrenzende, organisierte Gewalttrupps beschränkten, sondern um diesen Kern herum Mittäter, Anfeuernde und Zuschauer einfanden, die den Exzess unterstützten und sich nicht zuletzt auch durch die Plünderungen bereicherten.“

Statt eines Krisenbewusstseins gab es im Herbst 1923 im deutschen Judentum vordergründig zunächst nur eine Bewusstseinskrise. Jacob Toury bemerkte, immer noch wollte man in den C.V. Kreisen nicht sehen, dass sich die Angriffe keineswegs allein gegen „Ostjuden“ richteten, sondern gegen „Juden“ überhaupt, dass kein „Ostjudenpogrom“, sondern ein „Judenpogrom“ stattgefunden hatte.

Hingegen warnte die zionistische Jüdische Rundschau davor, die antisemitische Bewegung, weil in München der Hitler-Putsch gescheitert sei, für erledigt zu halten. „Denn der Verstand, der die traurigen und beschämenden Tatsachen erkennt, vermag wenig gegenüber entfesselten Leidenschaften, den triebhaften Affekten, die nicht nach wahr und unwahr fragen und nicht irre werden, selbst wenn Dinge geschehen, die die Massen an der Urteilskraft bisher blind verehrter Führer zweifeln lehren müssten. Zu tief hat sich der Antisemitismus in die Seelen eingefressen, er ist eine Volkskrankheit geworden, gegen die apologetische Argumentation wenig auszurichten vermag.“ Und Arnold Zweig analysierte in derselben Ausgabe vom 20.11. 1923 hellsichtig, dass im Augenblick der Aktion der Unterschied zwischen deutschen und Ostjuden, der innerhalb des assimilierten deutschen Judentums so sorgsam und nicht selten herablassend gezogen werde, zusammenbrechen würde. Sie, die deutschen Juden, „werden nun nicht mehr, sollte man hoffen, bereit sein, die Ostjuden preiszugeben, um selber auf der Seite der Gerechten zu stehen. Sie werden nun hoffentlich wissen, daß wer die Unterscheidung mitmacht, selbst vom Antisemitismus angesteckt ist, der wie jede Affekthandlung ansteckend auf sie überzugreifen stets bereit ist.“

Diese antisemitische, republikfeindliche Gewalt führte im Februar 1924 zu einer sozialdemokratischen und demokratischen Reaktion, als das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold gegründet wurde.

In den folgenden Kapiteln wird die jüdische Reaktion 1933 mit „Uns tun sie ja nichts, wir sind doch Deutsche“, der Boykott, die Menge als Akteur, die „Rassenschande“, das Dilemma der Gewaltpolitik, der Novemberpogrom 1938 detailliert geschildert.

Wildt zeigt auf, was von der angeblichen deutsch-jüdischen Symbiose während der Weimarer Republik zu halten ist. Es ist nicht nur ein gut geschriebenes gründlich recherchiertes Buch, sondern auch ein Beitrag zu einer Debatte, die immer wieder wegen der Schutzbehauptung: „davon hatten wir doch keine Ahnung“ aufflammt.

Manchmal wird auf das enge Verhältnis von Juden und Nichtjuden in deutschen Dörfern und Kleinstädten hingewiesen, der Autor zeigt auf, dass gerade in solchen Ortschaften der Boykott gegen Juden nicht auf den 1. April 1933 beschränkt blieb und wie dauerhaft aggressiv und gewalttätig gegen Juden aber auch gegen diejenigen vorgegangen wurde, die Kontakte zu Juden hielten.

Wer nach der Machtübergabe an Hitler mittat, musste strafrechtliche Ahndung nicht fürchten, im Gegenteil, die Gewalttäter konnten sich der heimlichen wie offenen Komplizenschaft vieler anderer sicher sein. In den Gewalttaten ließ sich die eigene Übermacht erfahren. Die Herstellung der Volksgemeinschaft – die auf der Ausgrenzung, allen voran der Juden basierte – bedeutete sowohl die Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft als auch Partizipation als rassistische Selbstermächtigung: Alle Gewalt geht vom Volke aus.

Michael Wildt Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung / Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939, Hamburger Edition 2007, gebunden 412 Seiten. € 28.00

Der Journalist und Autor Karl Pfeifer ist Mitglied von SPME Austria

Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung

  • 0

Hinterlasse eine Antwort

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.