Rezension: Wannseekonferenz, von Peter Longerich

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In Berlin, am Ufer des idyllischen Grossen Wannsees, liegt die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts erschlossene Villenkolonie Alsen, in der sich zahlreiche jüdische und  nichtjüdische Grossbürger Sommer-Residenzen errichtet haben. Eine dieser prachtvollen Villen mit Geschichte ist die Wannseevilla, 1942 Ort der Konferenz, bei der einige Chargen des nationalsozialistischen Regimes nicht mehr von einer „Gesamtlösung“ sprachen,  sondern die „Endlösung der Judenfrage“ formell beschlossen haben. In der Nachbarschaft der Villa befindet sich das 1937 beschlagnahmte schlossartige Anwesen von Franz Oppenheim, in dem dann eine Dienststelle des Sicherheitsdienstes untergebracht war. Daraus entstand ein geheimes Ostforschungsinstitut, das offiziell „Wannsee-Institut“ hieß und unter dem Tarnnamen „Institut für Altertumsforschung“ geführt wurde. In der ehemaligen Villa von Eduard und Johanna Arnhold residiert heute die American Academy, in einer weiteren die jüdischen Inhaber des später arisierten Wissenschaftsverlags Springer, 1909 baute dort auch der berühmte Maler Max Liebermann seine Sommerresidenz. Er starb 1935. Heute ist die 1838 der Witwe Liebermanns geraubte Villa ein Liebermann-Museum. Marta Liebermann beging 1943 Selbstmord, als sie nach Theresienstadt deportiert werden sollte.

Unter der Adresse Am Grossen Wannsee 56-58 befindet sich heute die Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz. Im „3. Reich“ wurde die Villa eines nichtjüdischen Vorbesitzers Teil der 1939  von Reinhard Heydrich gegründeten „Stiftung Nordhav“, welche der Schaffung und Unterhaltung von Erholungsheimen für die Angehörigen des Sicherheitsdienstes der SS sowie für deren Angehörigen diente.

Am 20. Januar 1942, also erst vor 75 Jahren, kamen dort fünfzehn Männer zusammen, deren Hauptanliegen die „Gesamtlösung der Judenfrage“, im Klartext die „Endlösung“, war. Es ging zunächst darum, den betroffenen Personenkreis festzulegen, an die 11 Millionen Menschen, die 11 Millionen Menschen,  ein Millionen Menschen, eren Hauptanliegen warmmerresidenz. Heute ist daftsverlag deus dem dann eindie es zu deportieren, härtester Zwangsarbeit auszusetzen und die Überlebenden sowie die Nichtarbeitsfähigen auf andere Weise ums Leben zu bringen. Dieses unfassbare Vorhaben schildert der seit 2012 als Professor an der Universität der Bundeswehr in München lehrende Peter Longerich in seinem neuen Buch über die Wannseekonferenz in der ihm eigenen minutiösen Art.

Das Protokoll der Wannseekonferenz, ein Zeugnis der Kaltblütigkeit und Entmenschlichung, ist ein bürokratisches Dokument dessen, was die Täter  – mehrheitlich aus bürgerlichen Familien stammende Akademiker – als ein bloßes organisatorisches Problem betrachteten, das es möglichst effizient zu lösen galt. Dass der Humanismus also nicht zwangsläufig den Gebildeten eigen sein muss, sehen wir hier. Der Mord an den europäischen Juden begann jedoch schon viele Monate früher, gemäss Hitlers Reichstagsrede vom 30. Januar 1939, bei der er für alle vernehmlich erklärt hatte, dass wenn es „dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen“, werde dies die „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa zur Folge haben“. Und so waren bis zum Zeitpunkt der Konferenz schon viele Hunderttausende Juden ermordet, doch dies verlief nicht organisiert, sondern je nach persönlicher Einstellung und dem Eifer der jeweiligen Spitzenfunktionäre in den besetzten Gebieten, das heißt nicht geordnet, wo doch Ordnung bekanntlich sein muss! Denn die NS-Führung, so Longerich, “ging schon im Herbst 1941 dazu über, den Krieg auf allen Ebenen als einen Krieg ´gegen die Juden` zu führen. Die Deportationen sollten dazu dienen, die Juden endgültig und vollständig aus Zentraleuropa zu entfernen, und am 23. September 1941 sollten zwar als erste Berlin, Wien und Prag „judenfrei“ gemacht werden, es folgten aber bald Frankfurt am Main, Breslau und auch Frankreich war an der Reihe. Überall im deutschen Machtbereich wurden schon damals die Deportationen vorbereitete„Endlösungen“ begannen regional, zunächst mit verschiedenen Techniken –  Erschießungen bis hin zur Ermordung durch Gas in Gaswagen wie bei der Euthanasie von Geisteskranken. Die Deportationen begannen schon am 5. Oktober und es gab frühe Pläne, die Juden in das Gebiet der besetzten Sowjetunion zu verfrachten. Aber nach einer Mitteilung von Eichmann, Leiter des „Referats Auswanderung“, einer euphemistischen Umschreibung für Vertreibung, Ausraubung und Deportation der Juden im Reichssicherheitshauptamt, sollten z. B. im lettischen Riga und weißrussischen Minsk Lager für Juden errichtet werden,  von denen „die Arbeitsfähigen zum Arbeitseinsatz in den Osten abtransportiert“ werden sollten. Dabei bestünden keinerlei „Bedenken, wenn diejenigen Juden, die nichts arbeitsfähig sind, mit den Brackschen Hilfsmitteln (benannt nach Victor Brack, Oberdienstleiter in Hitlers Kanzlei, der die Verwendung von Auspuffgasen zu Mordzwecken eingeführt hat) beseitigt werden.“ Es wurde daraufhin mit der Errichtung von Vernichtungslagern im Generalgouvernement (für die besetzten polnischen Gebiete) begonnen – im Distrikt Lublin (Belzec, Sobibor und das als Konzentrations- und Vernichtungslager genutzte Majdanek) sowie im benachbarten Distrikt Galizien -, die neben Auschwitz im Distrikt Krakau bei der „Ingangsetzung der Endlösung“ eine Vorreiterrolle übernommen haben.

Als Vorboten waren die rassistischen Nürnberger Gesetze von 1935 ausgearbeitet, auf der Wannseekonferenz spielte der spätere Präsident des Volksgerichtshofs, der damalige Staatssekretär Roland Freisler in der gesamten antijüdischen Gesetzgebung dieser Zeit eine wichtige Rolle. Die klassifizierten jüdischen Bürger wurden zunehmend aus der Gesellschaft ausgesondert und isoliert. Der Novemberpogrom von 1938, die zynisch genannte „Kristallnacht“, war ein Fanal auf dem Weg zur Vernichtung.Zwischen 1933 und 1936/37 gab es aber auch schon die ersten Konzentrationslager, in denen am 30. Januar Tausende verhaftete Gegner der Nationalsozialisten eingesperrt wurden. Darunter waren damals Kommunisten,  Sozialdemokraten, Gewerkschafter, sogenannte „Asoziale“, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und Juden. In dem Protokoll der Wannseekonferenz ging es aber nur um das Hauptanliegen der Nationalsozialisten, Juden auch in den Ländern, die entweder neutral waren oder sich mit Deutschland im Krieg befanden umzubringen. Longerich schreibt, dass es sich somit bei der „Endlösung der europäischen Judenfrage“ um ein Projekt handelte, das demnach in Gänze erst nach dem siegreichen Ende des Krieges dem Zugriff der Nationalsozialisten möglich geworden wäre, aber dann – und da gefriert dem Leser das Blut in den Adern – die fünf Millionen Juden in der Sowjetunion wie auch die um elf Millionen geschätzten  Juden Europas für die Vernichtung vorgesehen waren.

Um diesem Ziel nahe zu kommen, musste man generalstabsmäßig vorgehen, und so wurde nun am Wannsee die Marschroute für ein konkretes und geordnetes Mordprogramm für alle „Zentralinstanzen“ vorgegeben. Es bestehen diesbezüglich, so Longerich, durchaus Forschungskontroversen, er aber sieht in dieser Aktion die Konsequenz aus der vergeblichen Warnung an die Adresse der Vereinigten Staaten, sich in das Kriegsgeschehen nicht einzumischen. Hitler hatte an seine „Prophezeiung“ schon am 12. Dezember 1941, einen Tag nach der Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten, in einer Rede an Gau- und Reichsleiter erinnert.ß Dabei bekräftigte er, dass angesichts der Tatsache, dass der Weltkrieg nun da sei, die Vernichtung des Judentums die notwendige Folge sein muss. „Diese Frage ist ohne jede Sentimentalität zu betrachten. Wir sind nicht dazu da, Mitleid mit den Juden, sondern nur Mitleid mit unserem deutschen Volk zu haben. Wenn das deutsche Volk jetzt wieder im Ostfeldzug an die 160 000 Tote geopfert hat, so werden die Urheber dieses blutigen Konflikts dafür mit ihrem Leben bezahlen müssen.“ Hitler und Goebbels sowie die zuständigen Chargen – wie Heydrich, der im besetzten Polen eingesetzte Generalgouverneur Hans Frank oder der Chefideologe Alfred Rosenberg – führten also fortan propagandistisch wie konkret einen Krieg sowohl gegen „den jüdischen Bolschewismus“ als auch gegen die `jüdischen Kapitalisten´ und somit einen umfassenden Krieg gegen die Juden, ohne allerdings von der „Ausrottung“ zu reden. Aber bereits zehn Tage nach der Wannseekonferenz, am 30. Januar 1942, verkündete Hitler in seiner Ansprache anlässlich des Jahrestags der „Machtergreifung“ im Sportpalast: „Wir sind uns dabei im klaren darüber, dass der Krieg nur damit enden kann, dass entweder die arischen Völker ausgerottet werden oder dass das Judentum aus Europa verschwindet.“

Wenn in diesen Tagen an die Freilassung von Albert Speer am 1. Oktober 1966 mit einer Ausstellung erinnert wird, der mit seiner Lüge, er hätte vom Mord an den Juden nichts gewusst, sogar die Nürnberger Richter überzeugen konnte, dann staunt man nicht mehr über die allgemeine Verfälschung  der Tatsachen, bis hin zum aktuellen Ausspruch des deutschen Außenministers Gabriel nach seinem missglückten Antrittsbesuch in Israel, dass die Sozialdemokraten wie die Juden die ersten Opfer des Holocaust waren. Verdrängung und Relativierung sind an der Tagesordnung, die vorhandenen Zeugnisse, die nunmehr seit Jahren systematisch erforscht und publiziert werden, zeigen auch in diesem Buch die unverblümte Wahrheit, welche die beliebte Geschichtsklitterung Lügen straft.

Longerich, der auch Dokumente aus dem britischen Nationalarchiv durchsah, stellt die Teilnehmer der Konferenz dar und analysiert ausführlich das als top secret eingestufte Protokoll, welches sogar dem sonst wohlinformierten britischen Geheimdienst entgangen war. Nur dem Zufall ist es zu verdanken, dass ein einziges der 30 ursprünglichen Exemplare die Spurenvernichtung durch die Nationalsozialisten entgangen war und erhalten blieb. Die Alliierten fanden es 1947 in den Beständen des Auswärtigen Amtes in Berlin und übergaben es Robert M.W. Kempner, dem Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen. Die Hauptquelle der Konferenz ist somit das sogenannte „Besprechungsprotokoll“, das von Eichmann verfasst und von Heydrich autorisiert wurde. Heydrich, von Göring beauftragt, war die treibende und organisatorische Kraft des organisierten Judenmordes. Er starb am 4. Juni 1942 an den Folgen eines Attentats in Prag. Eichmann hingegen blieb bis zum Ende mitverantwortlich für die Ermordung von Millionen Juden und wurde nach seiner Entführung aus seinem Versteck in Argentinien 1962 nach einem Prozess in Israel hingerichtet.

In diesem Jahr gibt es viele Jubiläen, die mit der jüdischen Geschichte zusammenhängen: 1897 war der Erste Zionistische Kongress, 1917 die Balfourdeklaration, 1947 der UN-Teilungsplan für Israel-Palästina, 1967 der Sechs-Tage-Krieg. Der 75. Jahrestag der Wannseekonferenz gehört in dieser Chronik auf die negative Seite, darf aber um so weniger vergessen werden.

Das mit Bibliographie und Register versehene Buch ist zwar anspruchsvoll und eher für Fachleute geeignet, allerdings auch für interessierte und informierte Laien, die die deutsch-jüdische Geschichte mit allen Schattenseiten kennen zu lernen bereit sind, eine notwendige Lektüre.

Binding: Perfect Paperback
EAN: 9783570553442
ISBN: 3570553442
MPN: 44945275

Rezension: Wannseekonferenz, von Peter Longerich

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