Rezension: GÖTZ ALY: Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass

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Götz Alys neues Buch Warum die Deutschen? Warum die Juden? nimmt sich vor, die „Frage aller Fragen“ zu beantworten: „Warum ermordeten Deutsche sechs Millionen Männer, Frauen und Kinder, und das aus einem einzigen Grund: weil sie Juden waren?“ Es sei eine Frage, „die Deutsche beantworten“ müssten, wenn sie „ihre Geschichte verstehen“ und die Verstrickung der eigenen Familien mit dem NS-Regime „ihren Kindern“(7) erklären wollten.

Alys zentraler Ansatz ist die Verortung des deutschen Antisemitismus mit Hilfe zeitgenössischer Quellen vor 1933 und soziologischer Daten. Einerseits kommen Nationalisten und Antisemiten, andererseits bemerkenswert hellsichtige Kritiker der Deutschen zu Wort. Die Aussagen dieser Zeitzeugen werden um inhaltliche Fragestellungen gruppiert, die Aly als zentral zur Erklärung des Antisemitismus ansieht. Dabei wird u.a. die enge Verflechtung des deutschen Antisemitismus mit der Geschichte des deutschen Nationalismus, der Idee des Kollektivismus und des in Deutschland verbreiteten Antiliberalismus thematisiert. Den deutsche Nationalismus bezeichnet Aly als einen Wegbereiter nach Auschwitz. Der Rückblick auf die Ideen der frühen deutschen Patrioten und deren Verhältnis zu den Juden führt Aly zum Schluss, „Deutsche Freiheitshelden“ hätten die „Nation als Einheit von geschichtlicher Herkunft, Religion und Sprache“ proklamiert und damit den „ethnisch definierten Volksgeist über die universellen Menschenrechte“(70) gestellt. Deutsche Nationalrevolutionäre hätten von Anbeginn an ein „kollektivistisches Verständnis von Freiheit“ propagiert, das „Freiheit nicht als individuelle Möglichkeit“, sondern als „Abgrenzungsbegriff […] gegen tatsächliche oder vermeintliche Feinde“ betrachtete.(14) Ein weiterer thematischer Schwerpunkt ist die Verflochtenheit des Antisemitismus mit antikapitalistischer und antiliberaler Ideologie. In den Augen der Antisemiten hätten die Juden „die geistige und menschliche Tiefe des christlichen Abendlandes auf den Altären der Massenproduktion und des angeblich schnöden Mammons“ geopfert, sie symbolisierten „das bodenlose Raffen, nicht das bodenständige Schaffen“. (103) Doch das Ressentiment betraf nicht allein die liberale Wirtschaftsordnung, sondern ebenso den politischen Liberalismus, der in Deutschland niemals wirklich zur Entfaltung kam. Hierbei erwähnt Aly, Friedrich Naumann, den Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei. Anhand seiner Schriften weist Aly nach, dass dieser deutsche Parade-Liberale ein imperiales und etatistisches Programm vertrat. So forderte Naumann „die Unterwerfung wirtschaftlicher Ergänzungsräume in Ost- und Südosteuropa“ und sah im „kaiserlichen Kriegssozialismus die kommende Staats- und Gesellschaftsform“. Naumanns Utopie war die Unterordnung des Individuums unter eine korporatistische „Volksmaschine“, die er tatsächlich auch „Nationalsozialismus“ (141f) bezeichnete. Aly untersucht auch das Verhältnis der Sozialdemokratie zum NS. Bemerkenswert dabei sind nicht allein der Hinweis auf prominente Antisemiten in der SPD wie Franz Mehring, der sich gegen das Wuchern „jüdischer Unarten und Unsitten“(127) ereiferte, sondern die inhaltlichen Verbindungen, die Aly konstatiert:

Sozialisten verherrlichten die Stärke der Massen […] und lehrten, dass nur die Masse im Sinne gleichgerichteter, gut durchorganisierter Individuen genügend Stoßkraft gewinnen werde, um die Macht zu erobern. […] Weil sozialistische Parteien vorrangig für Gleichheit und für soziale Gerechtigkeit eintraten, relativierten sie notwendigerweise die Werte der individuellen Freiheit. […] Ersetzte man die Vorstellung vom entrechteten Proletariat durch die Vorstellung vom entrechteten und bedrohten deutschen Volk, wie sie nach 1918 Gemeingut wurde, dann war der Weg zur nationalsozialistischen Utopie nicht weit.“(131f)

Der Verdienst des Buches liegt darin, über die engstirnige Definition des Antisemitismus als bloßes explizites Vorurteil gegen die Juden hinaus zu gehen und den Blick auf thematische Felder zu richten, die offensichtlich eine tiefer gehende Verbindung zum Antisemitismus aufweisen. Besonders der Thematisierung eines Kollektivismus im Sinne eines „Streben nach Homogenität“ (203) und „sozialer Harmonie“(237) bzw. dessen Verbreitung im gesamten politischen Spektrum in Deutschland, ohne in eine schematische Totalitarismustheorie zu fallen, sollte in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Im Zentrum von Alys Argumentation steht jedoch die Sozialneid-These. Der Antisemitismus, so Aly mit Bezug auf den zeitgenössischen Kritiker Siegfried Lichtenstaedter, beziehe seine „Dynamik aus Sozialneid, Konkurrenz und Aufstiegsdrang“:

Im Durchschnitt […] bekleideten die Juden in Mittel- und Westeuropa höhere soziale Stellungen; das kreideten ihnen die hinterherhinkenden Nichtjuden zunehmend an. Deren nachholendes Aufstiegsstreben verschaffte den Gegnern der Juden enormen Zulauf.“(10) „Neid und Versagensangst, Missgunst und Habgier trieben den Antisemitismus der Deutschen an – Gewalten des Bösen, die der Mensch seit Urzeiten fürchtet und zivilisatorisch einzuhegen versucht. […] Kain erschlug seinen Bruder Abel, weil er sich von Gott zurückgesetzt und ungerecht behandelt fühlte. Der erste Mord der Menschheitsgeschichte geschah aus Neid und Gleichheitssucht. Die Todsünde des Neides, kollektivistisches Glücksstreben, moderne Wissenschaft und Herrschaftstechnik ermöglichten den systematischen Massenmord an den europäischen Juden.“(300f)

Hier offenbart sich auch der Mangel von Alys Ansatz: Er zeigt verschiedene thematische Felder auf, doch bleibt sein Zugang primär historisch und deskriptiv. Wo er versucht über eine sozio-historische Verbindungslinie hinaus, inhaltlich zu argumentieren, bspw. im Kapitel Sozialdemokratie und Judenfrage, kommt er zu wesentlichen Ergebnissen. Doch im Ganzen bleiben die einzelnen Momente disparat, ohne inneren Zusammenhang, rein äußerlich verbunden. Bereits seine Hauptthese offenbart diesen Mangel an begrifflicher Schärfe. Das Verhältnis von Antisemitismus zu dem von ihm postulierten Sozialneid bleibt vage und unbestimmt. Einmal spricht er von einem „Neid- und Sozialantisemitismus“(293) und der „Eigenart des deutschen Antisemitismus“(15), was die Auffassung nahelegt, den Neid als Moment innerhalb des Antisemitismus zu verorten. Dann wiederum heißt es, die Neider würden „ihren niederen Instinkt hinter politischen Programmen“ oder der Rassentheorie „verstecken“.(294) Auch die Formulierung von der Todsünde und der urzeitlichen Gewalt des Bösen scheint den Neid als Quelle des Hasses jenseits des Antisemitismus, wenn nicht jenseits der Geschichte zu verorten. Solch „blasse Begrifflichkeiten“ (8) entspringen auch der Gleichgültigkeit gegen ernstzunehmende Versuche, Antisemitismus und Nationalsozialismus auf einer theoretischen bzw. inhaltlichen Ebene zu begegnen. Adorno charakterisierte den Antisemitismus als „ein umfassendes und kohärentes […] Denkmuster“, dass in der Charakter- bzw. Triebstruktur verankert sei. Auf Basis einer Analyse der Konstitution des antisemitischen Subjekts bzw. dessen unreflektierte Weltanschauung wurden Antiliberalismus, konforme Revolte, der Drang zur Masse und anderen Elemente des Antisemitismus als Momente einer wahnhaften Weltanschauung begriffen, die weit über die offene Schmährede gegen die Juden hinausgeht. Ein zentrales Moment der konformen Revolte ist der Hass auf das Ersehnte. Nach Adornos und Horkheimers Ausführungen in der Dialektik der Aufklärung rufen Vorstellungen von Reichtum ohne Mühsal der Arbeit (Finanzspekulation), eines leichten Lebens zwanghaften Hass hervor. Das „gute Leben als Zeichen von Glück“ wird gleichzeitig ersehnt und brutal verfolgt. Der Neid weiß als sein letztes Ziel die Aneignung des begehrten Objekts. Doch der antisemitische „Haß führt zur Vereinigung mit dem Objekt, in der Zerstörung“.(Adorno/Horkheimer).Was diesen Hass von einem gewöhnlichen Neid unterscheidet, ist dessen grundsätzlich pathologischer Charakter. Dieser beruht nicht auf einem objektiven Mangel, einer wie auch immer zu bewertenden soziale Benachteiligung, sondern auf dem Unvermögen des Subjekts seine eigenen egoistischen Bedürfnisse zu verfolgen. Damit folgen Adorno und Horkheimer einem Ansatz, der, wie Goldhagen in Hitlers willige Vollstrecker formulierte, „die Existenz des Antisemitismus“ als „Ausdruck der nichtjüdischen Kultur“ begriff, „selbst wenn tatsächlich Eigenschaften von Juden oder Aspekte realistischer Konflikte in das antisemitische Gerede“ einflossen. Aly kommt in seinen Ausführungen zu Kants Konzeption des Neides der irrationalen Dynamik dieser spezifischen Form des Neides näher, ohne jedoch weiter auf die offensichtlich destruktive und pathologische Natur dieses Hasses einzugehen.

Gerade der Versuch, selbst nur Ansatzweise, den Hass aus der Tätigkeit bzw. Stellung der Juden zu erklären, führt zu einer Relativierung der Bedeutung des Antisemitismus. Offensichtlich wird dies in der mit der Sozialneid-These eng verbundenen Charakterisierung der Nazis als soziale Schicht der Aufsteiger. Die soziale Mobilität und der Bruch mit einem gesicherten Milieu hätten viele Deutsche verunsichert:

Wer nach oben drängt, den ängstigt das Abrutschen. Das ließ die Pioniere des familiären Aufstiegs unsicher und angespannt werden. Sie fühlten sich undurchsichtigen Mächten ausgeliefert […]. Die Weltwirtschaftskrise, die von den Deutschen als Komplott fremder Mächte angesehen wurde, steigerte diese Gefühle erst recht […] und trieb hochmotivierte junge Leute und, arbeitsame Aufsteiger und diejenigen, die für ihre Kinder ein besseres Leben wünschten, in die Arme des Nationalsozialismus.“ (213) „Anders als die Angehörigen der alten Eliten redeten die Gauleiter in der Sprache des Volkes. Sie kannten die Nöte der einfachen Leute.“ (220) Die Millionen NS-Wähler verband allein „der Wunsch nach Aufstieg und Anerkennung“ (222). Schließlich lenkte der NS „die Aggression und Verzweiflung der in ihren Zukunftsplänen Blockierten auf die Juden und erzeugte so das Gefühl der Entlastung“ (231)

Man muss sich nicht noch einmal eine Rede Hitlers vor Augen führen, um zu erkennen, dass die Sprache des Volkes keine harmlose Veranstaltung von allein um Anerkennung und Aufstieg besorgten arbeitsamen Bürgern war. Die Gewalttätigkeit dieser Sprache und der erdrückende Verfolgungswahn der Tiraden spricht für sich selbst. Eine Weltwirtschaftskrise lässt nur Antisemiten an die Weisen von Zion denken, sie verwandelt nicht über Nacht brave Bürger in Volksgenossen. Vage Kategorien wie Anspannung und Unsicherheit können kaum als Bedingungen zur Formierung einer repressiven Volksgemeinschaft gelten und die Not der einfachen Leute, eine Redewendung die im Übrigen selbst einer autoritären und kollektivistischen Tradition entstammt, bestand vor allem darin, ein Opfer, einen Feind zu finden, an dem man sich schadlos halten konnte.

Der Sozialneid den Aly meint, spielte in einer gewissen Phase wohl eine gewisse Rolle in der antisemitischen Mobilisierung in Deutschland. Er mag seinen Anteil daran gehabt haben, dass Deutsche Juden im Rahmen der ersten volksnahen antisemitischen Ausschreitungen nicht allein misshandelten und demütigten, sondern auch ausraubten. Dessen Bedeutung wäre jedoch allein innerhalb eines Begriffs des Antisemitismus als irrationale Ideologie aufzuschlüsseln. Weshalb Deutsche tausende Lager bauten, um Juden und anderen Volksfeinden die Hölle auf Erden zu bereiten oder sich auf vereinsamte griechische Inseln einschifften, um auch noch die letzten Juden der Endlösung zuzuführen, entzieht sich dem Versuch, den Antisemitismus zu rationalisieren. Die Reflexion dieses sprichwörtlichen Wahnsinns wäre die Bedingung für jede Diskussion und Frage nach diesem Verbrechen.


Luis Liendo Espinoza ist Vorstandsmitglied von SPME Austria.

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