Pogrom als „gewalttätiger Zwischenfall“ verharmlost – Rezension von Karl Pfeifer

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Yfaat Weiss hat ein Buch veröffentlicht, in dem sie die Geschichte der Flucht der Araber Haifas mit der Geschichte der nach 1948 in Wadi Salib lebenden Juden, die hauptsächlich aus Marokko kamen, verbindet. Das Buch wurde von der engagierten Hamburger Edition herausgegeben, die bereits am Umschlag die Richtung angibt, wenn sie von den arabischen Einwohnern der Stadt behauptet sie flüchteten oder wurden „vertrieben“. Denn im Buch fand ich keine Erwähnung einer Vertreibung, die es in Haifa auch nicht gegeben hat.
Nun kann die Historikerin Weiss nichts für den Umschlag, jedoch kann man ihr den Vorwurf nicht ersparen, das bereits 1950 erschienene Buch von Jon Kimche „Seven Fallen Pillars, the Middle East, 1915-1950 ignoriert zu haben, obwohl darin eine detaillierte Schilderung der Ereignisse April 1948 in Haifa zu finden ist.
Doch das ist nicht alles, sie hat auch das vielleicht beste Buch über den Konflikt zwischen Juden und Arabern 1947-1949, in ihrem 2012 publizierten Buch nicht erwähnt, nämlich Yoav Gelbers bereits 2004 erschienenes „Kommemiut veNakba“.
Ideologisch nicht passende Quellen zu ignorieren, ist ein Zeichen von voreingenommener Geschichtsschreibung. Weiss erwähnt mehrmals den „offiziellen Historiker der palästinensischen Nationalbewegung in den 1950er und 1960er Jahren“ Walid Khalidi, doch natürlich nicht die Fakten, auf die Gelber hinweist, nämlich dass im Gegensatz zu Khalidis Schilderung, sich das arabische Nationalkomitee nicht angestrengt hatte, um die Fluchtbewegung aus Haifa einzudämmen und dass selbst seine Mitglieder zuerst ihre Familien flüchten ließen, um sich dann diesen anzuschließen, keiner kehrte zurück. 11 von den 15 ursprünglichen Mitgliedern haben die Stadt schon vor Ende März 1948 verlassen und alle Bemühungen des Vorsitzenden dieses Komitees Rashid el Hadj Ibrahim, diese zur Rückkehr zu bewegen, waren erfolglos. Ibrahim selbst hat Haifa Anfang April verlassen und fuhr nach Damaskus.
Yfaat Weiss zitiert Mosche Karmel, den Kommandanten der Nordfront und Verantwortlichen für die Eroberung Haifas, der schrieb: „Die Juden sind nicht weggegangen. Sie konnten nirgendwohin gehen. Wohin hätten sie gehen sollen?“ Und meint mit einem Untergriff „Karmels Argumentation, ähnlich wie die entschiedene Äußerung, dass „die Masse der Juden nirgendwohin fliehen konnte“, fällt natürlich aus dem Rahmen einer sachlichen historischen Schilderung und führt sich auf den israelischen Legitimitätsdiskurs zurück, dass die Juden keinen anderen Ort haben, auf den sie ausweichen könnten.“
Leider legt die Wissenschaftlerin uns keine zeitgenössischen Dokumente vor, wohin denn die mehr als 600.000 Juden des Jishuv hätten fliehen können, wenn die Araber gesiegt hätten. Sie bringt aber als Beweis ihrer These die Tatsache, dass einige wenige junge Juden versuchten, sich der eingeführten Wehrpflicht durch Flucht auf ein russisches Schiff zu entziehen.
Entsprechend der palästinensischen „Narrative“ phantasiert sie von „ethnischer Säuberung“ in Haifa und widmet ein ganzes Kapitel den Umsiedlungen und Vertreibungen, die nach dem Sieg der Alliierten in Europa stattgefunden haben.
In ein paar kargen Fußnoten erwähnt sie auch die „Migration zwischen Indien und Pakistan“, die kein marginales Ereignis war.
Anfang Oktober 1947 berichtete die New York Times, dass 2,388.000 Muslime von Indien nach Pakistan und 2,644.000 Hindus von Pakistan nach Indien flüchteten. Bevor diese Massenflucht im April 1950 aufhörte, wurde geschätzt, dass wenigstens vier Millionen Muslime und mehr als vier Millionen Hindus ihre Heimat verlassen haben. Die Tatsache, dass dies zeitgleich mit der Massenflucht der Araber aus dem Heiligen Land geschah passt nicht in diese auch von einigen anderen „neuen“ israelischen Historikern bemühten „Narrative“, deswegen hat auch Yfaat Weiss kein Datum und keine Anzahl der Flüchtlinge auf der indischen Halbinsel angegeben.
Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen den hier erwähnten Flüchtlingen und den arabischen Flüchtlingen aus dem Heiligen Land, während man überall auf der Welt – so auch in Israel sich bemühte – Flüchtlinge zu integrieren, haben die arabischen Staaten alles mögliche unternommen, damit diese Flüchtlinge und ihre Nachkommen auch Flüchtlinge bleiben und nicht integriert werden. Diese Politik war zwar unmenschlich aber politisch ein voller Erfolg. Die ganze Welt weiß Bescheid über das Leiden der palästinensischen Flüchtlinge, doch die Bemühungen Israels jüdische Flüchtlinge aus arabischen Ländern zu integrieren werden nicht geschätzt. Tatsache ist, dass noch 1959 aufgrund der Unruhen in Haifa, viele „Nahostexperten“ behaupteten, dass der Konflikt zwischen Juden aus arabischen Ländern und ashkenazischen Juden, den jungen Staat zum Zerfall bringen würde, dies ist offensichtlich nicht geschehen.

„Nationalsozialisten, die sich in die Reihen der arabischen Kampftruppen eingeschlichen hatten“

In einer Fußnote zählt die Autorin die Kapitulationsbedingungen der Hagana auf, die vom arabischen Nationalkomitee abgelehnt wurden: „Alle arabischen Truppen in der Stadt zu entwaffnen und die Waffen an die Briten abzuliefern, die sie mit der Evakuierung der Hagana übergeben würden; die Ausweisung aller ausländischen männlichen Araber im militärfähigen Alter; die Beseitigung sämtlicher arabischen Straßensperren; die Festnahme aller Nationalsozialisten aus Europa, die sich in die Reihen der arabischen Kampftruppen eingeschlichen hatten“das dürfte einer der Höhepunkte der Identifikation von Weiss mit der arabischen Narrative sein als ob nicht die Araber diese Nazi rekrutiert und bezahlt hätten; als ob man sich in Kampftruppen einschleichen könne. Eine solche Entlastung von einer israelischen Hochschullehrerin ist für die palästinensische Propaganda unbezahlbar, eine weitere Kapitulationsbedingung war: eine Ausgangssperre von 24 Stunden, um die Entwaffnung der Araber vollständig sicherzustellen. Im Gegenzug würde man allen verbliebenen arabischen Einwohnern Haifas erlauben, ihr reguläres Leben weiterzuführen und als freie und gleichberechtigte Bürger in der Stadt zu leben.“ Nach diesen sehr kulanten Bedingungen postuliert die Verfasserin: „Wehe den Besiegten“. Doch wenn wir diese Kapitulationsbedingungen mit denen der Einwohner des jüdischen Viertels in der Altstadt Jerusalems –  zumeist nichtzionistische fromme Juden, von denen keiner mehr bleiben durfte  vergleichen, dann sind die britischen Memoiren, über Haifa, die verzeichneten, „dass die Position der jüdischen Seite versöhnlich und grundsätzlich flexibel“ gewesen wären mehr als berechtigt. Freilich bringt die Autorin volles Verständnis dafür auf, dass diese Bedingungen von den Arabern abgelehnt wurden, denn ihre Annahme hätte doch als Zustimmung zur Teilung des Landes gelten können.
Yfaat Weiss verharmlost Pogrome als „gewalttätige Zwischenfälle…, in deren Verlauf 40 Juden getötet wurden.“ Abgesehen von der Tatsache, dass bereits nach der Landung der US-Truppen Ende 1942 in Marokko die Rabbi Eliahu Synagoge in Casablanca geschändet wurde und es zu Pogromen im ganzen Land kam, werden die Vorfälle von 1948 von der Encyclopedia Judaica doch detailliert geschildert: Im Juni 1948 wurden 43 Juden ermordet und 155 verletzt in Djerada und Oujda, nachdem Nationalisten die Bevölkerung aufhetzten.
Pogrome als „gewalttätige Zwischenfälle“ zu beschreiben ist wirklich ein schreckliches Understatement, das nur mit ihrer ideologischen Voreingenommenheit erklärt werden kann. Leider sind auch die anderen Kapitel von Einseitigkeit getragen.
Mit ihrem Buch hat die Professorin an der Hebräischen Universität Yfaat Weiss ein Beispiel unzuverlässiger Geschichtsschreibung geliefert.
 

Yfaat Weiss: Verdrängte Nachbarn / Wadi SalibHaifas enteignete Erinnerung
Hamburger Edition.

Pogrom als „gewalttätiger Zwischenfall“ verharmlost – Rezension von Karl Pfeifer

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