MATTHIAS KÜNTZEL: Hat Israel am arabischen Antisemitismus schuld?

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„Als ich sah, was in Imbaba passierte, erkannte ich, dass dahinter die Juden stehen“, schrieb die Journalistin Safaa Saleh im Mai 2011 in der ägyptischen Regierungszeitung Al-Gumhouriyya. Kurz zuvor hatten Zusammenstöße zwischen Christen und Muslimen im Kairoer Stadtteil Imbaba zwölf Todesopfer gefordert. Es gebe keine Katastrophe in der Welt, „die nicht von den Juden herrührt“, fuhr Saleh fort und verwies auf einen prominenten Zeugen: „Hitler sagte:,Ich hätte alle Juden vernichten können. Doch ließ ich einige am Leben, um der Welt zu zeigen, warum ich sie vernichtete.‘“[1]

Im Westen hätte diese Worte einen Skandal ausgelöst – nicht so in Ägypten. Hier gehört der Lobgesang auf den Holocaust zum akzeptierten öffentlichen Diskurs.

Daran hat auch die Erhebung der Ägypter nichts geändert, die Husni Mubarak im Februar 2011 zum Rücktritt zwang. Irrationale Ideologien lassen sich offenkundig weniger leicht vertreiben als illegitime Herrscher. Dies gilt besonders für Ägypten, wo man mit Mubarak einen vermeintlichen Israelfreund vertrieb, dessen Plakat-Konterfeis in den Tagen der Erhebung häufig mit Davidsternen übermalt worden waren.[2] Die Aufstandsbewegungen haben die Befassung mit dem arabischen Antisemitismus somit nicht überflüssig gemacht, im Gegenteil: In Zeiten der Politisierung und des Neuanfangs ist die Frage nach den Ursprüngen und Konsequenzen dieses Antisemitismus akuter denn je. Gerade hier aber gehen die Meinungen der Antisemitismusforscher auseinander.

Die einen sagen, diese Judenfeindschaft sei ein unmittelbares Resultat des Zionismus und der Politik Israels. Die anderen betonen, in erster Linie hätten Nazis und Islamisten eine antisemitische Sichtweise auf den Palästinakonflikt in die Region brachten.

Während die einen den Unterschied zwischen arabischem und europäischem Antisemitismus betonen, heben die anderen deren Ähnlichkeit hervor. Für die Ersteren gilt, dass nur die Lösung der Palästinafrage den Antisemitismus beseitigen kann, während die Letzteren davon ausgehen, dass der Konflikt nur durch Zurückdrängung des Antisemitismus zu entschärfen ist.

Noch vor wenigen Jahrzehnten führte man den Judenhass in der Region allein auf den Nahostkonflikt zurück. Der „arabische Antisemitismus, schrieb 1972 Yehoshafat Harkabi, „ist nicht die Ursache des Konflikts, sondern eines seiner Resultate. …. Wenn der arabisch-israelische Konflikt beendet wäre, würden auch die antisemitischen Manifestationen aussterben.“[3] Ähnlich formulierte es 1985 Bernard Lewis. “Für christliche Antisemiten ist das Palästinaproblem eine Vorwand und ein Ventil für ihren Hass; für muslimische Antisemiten ist es der Grund.“[4]

Beide Autoren weigerten sich jedoch, den arabischen Antisemitismus zu relativieren: Harkabi hielt ihn für besonders „energisch und aggressiv“, „glühend und rachesüchtig“. Da dieser Antisemitimus “die Juden als ein pathologisches Phänomen betrachtet, als ein Krebs in dem Fleisch der Menschheit, verweigert er ihr Recht auf eine Zukunft und preist das Ideal einer Welt ohne Juden an.“[5] Auch Lewis sprach von einem „nazistischen Typus des Antisemitismus“, der die Diskussion über den und den Staat Israel dominiere.“[6]

Heute ziehen zahlreiche Wissenschaftler aus dem Kontext dieser Judenfeindschaft einen anderen Schluss: Während sich die Judenhass der Nazis allein auf Wahnvorstellungen gestützt habe, sei die arabische Antisemitismus weniger irrational, da es hier um einen echten Konflikt mit Juden gehe. Die Entwicklung dieser Position lässt sich am Beispiel des renommierten Berliner „Zentrum für Antisemitismusforschung“ (ZfA) gut nachvollziehen.

Berliner Lernprozesse

Um die Jahrtausendwende beschloss das ZfA, eine Konferenz über die Schnittstellen von Antisemitismus und muslimischem Antizionismus durchzuführen. Dieses Vorhaben stieß außerhalb des Zentrums auf Kritik: “Viele der eingeladenen Nahost-Spezialisten widersprachen der Vorstellung, dass Antisemitismus die einzige Form des Rassismus im israelisch-arabischen Konflikt sei. Die Einladung wurde revidiert, um auch den anti-arabischen Rassismus zu erwähnen“, schreibt rückblickend Joel Beinin, einer der damaligen Akteure.[7] Werner Bergmann, der stellvertretende Leiter des Berliner Zentrums, bestätigt, dass damals das ZfA einen „Lernprozess“ durchlaufen habe, für dessen Erfolg einige „Experten für den Islam und den Nahen Osten von zentraler Bedeutung“ gewesen seien, darunter Helga Baumgarten, Gudrun Krämer, Gerhard Höpp, John Bunzl, Kai Hafez und Joel Beinin.

Man habe im Laufe dieses Prozesses erkannt, dass sich der arabisch-islamische Judenhass nur dann verstehen lasse, wenn man „nicht mit dem Antisemitismus beginnt, sondern ihn als eine Folge des Palästinakonflikts thematisiert.“ Also müssten, so Bergmann, „alle Konfliktparteien zum Gegenstand der Analyse gemacht werden. Dies bedeutet, dass spiegelbildlich auch die negativen Bilder von der palästinensischen Bevölkerung … auf … israelischer Seite in die Betrachtung einbezogen werden müssen.“[8]

„Spiegelbildlich“ ist das Stichwort, das die Problematik dieses Standpunkts markiert. Während eine wissenschaftliche Untersuchung über das Araberbild in Israel ihre Berechtigung hat, läuft die Metapher vom „Spiegelbild“ darauf hinaus, die Wurzel des arabischen Antisemitismus in jüdischem Verhalten zu suchen und den Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus zu nivellieren.

Dieser „Lernprozess“ endete erstens damit, dass das Berliner Zentrum eine äquidistante Position bezog. Aus der geplanten Konferenz über die Schnittstellen von Antisemitismus und Antizionismus wurde eine Konferenz unter dem Titel „Die Entstehung von Feindbildern im Konflikt mit Palästina.“[9] Hier stellte man das „Feindbild Araber“ mit dem „Feindbild Jude“ konzeptionell auf eine Stufe – so als würde Israel bestimmten arabischen Staaten „spiegelbildlich“ ein Existenzrecht streitig machen; so als würden relevante israelische Parteien die Araber als „Krebs im Fleische der Menschheit“ bezeichnen, den es zum Wohle der Menschheit zu vernichten gelte.

Der „Lernprozess“ ging zweitens mit einem fragwürdigen Blick auf den Nahostkonflikt einher, wie das 2008 erschienene „Handbuch des Antisemitismus -Länder und Regionen“ des Berliner Zentrums zeigt. Dieses Nachschlagewerk beschreibt den Gründungsprozess Israels wie folgt:

„Die Staatsgründung Israels im Mai 1948 ging als,nakba‘ (Katastrophe) in die arabischen politischen Diskurse ein. Die Flucht und Vertreibung von 700.000 palästinensischen Arabern, die im Gefolge der Kämpfe das Land verließen, und der territoriale Verlust eines Großteils des ehemaligen Mandatsgebietes standen aus arabischer Sicht für die fortwährenden Intrigen der europäischen Mächte. Als Symbol für imperialistische Bedrohungen rückte die Palästina-Frage in den 1950er und 1960er Jahren ins Zentrum panarabischer Ideologie.“[10]

Der Palästina-Teilungsbeschluss der Vereinten Nationen von 1947 und der militärische Angriff mehrerer arabischer Staaten auf das neu gegründete Israel wurden nicht erwähnt. Stattdessen referierte man diese Schlüsseljahre des Nahostkonflikts allein „aus arabischer Sicht“. Die Tatsache, dass hiervon abweichende Sichtweisen existieren, blieb ungenannt.

Drittens aber endete der „Lernprozess“ mit dem Ergebnis, dem arabischen Antisemitismus mildernde Umstände zu attestieren. Er würde „im Unterschied zum europäischen Antisemitismus,immerhin’ auf eine tatsächliche Problematik, nämlich die Marginalisierung der Palästinenser“ beruhen, betonte zum Beispiel der deutsche Islamforscher Jochen Müller. „Hier unterscheidet sich die Motivlage deutlich von jener [Motivlage] des Antisemitismus, [die]… auf keinem wie auch immer gearteten realen Konflikt mit Juden basiert“, stimmt ihm Juliane Wetzel, eine Mitarbeiterin des Berliner Zentrums, zu. Wer ihm entgegentreten wolle, müsse, so die implizite Schlussfolgerung, zunächst den „realen Konflikt mit Juden“ beseitigen, den Nahostkonflikt also lösen.

Der neue Forschungsansatz

In den letzten Jahren wurde dieses Paradigma, das den arabischen Antisemitismus unmittelbar aus den Verläufen des Nahostkonflikts ableitet, jedoch zunehmend hinterfragt.

Erstens hat der Alltag des Nahostkonflikts den unterstellten Zusammenhang von israelischer Politik und antisemitischer Reaktion widerlegt. Hätte dieser Zusammenhang existiert, wäre nach den israelischen Rückzügen aus dem Libanon (2000) und dem Gaza-Streifen (2005) ein Rückgang des Antisemitismus zu erwarten gewesen. Bekanntlich war das Gegenteil der Fall.

Zweites stellen neue Archivfunde den vermeintlichen Kausalzusammenhang zwischen zionistischer Politik und reaktivem Antisemitismus infrage. So beweist Hillel Cohens Pionierstudie Army of Shadows. Palestinian Collaboration With Zionism, 1917-1948, dass nur eine Minderheit der Palästinenser auf die Politik der Zionisten antisemitisch reagierte. „Zusammenarbeit und Kollaboration mit dem Zionismus waren [während der Mandatsperiode] weit verbreitet“, schreibt Cohen, und zwar „in vielfältigen Formen … [und] in sämtlichen Klassen und Sektoren. Die Kollaboration war nicht nur ein übliches, sondern ein zentrales Kennzeichen der palästinensischen Gesellschaft und Politik.“[11] Dies zeigt: Niemand musste auf den Nahostkonflikt antisemitisch reagieren. Andere Reaktionen waren üblicher als bisher angenommen.

Drittens werden die Texte des islamischen Antisemitismus seit dem 11. September gründlicher analysiert. Jetzt erst wurde die Charta der Hamas unter die Lupe genommen und die Ähnlichkeit ihrer Parolen mit dem Nazi-Antisemitismus bekannt. Jetzt erst begannen viele Sozialwissenschaftler, die Übersetzungen des Middle East Media Reseach Institute MEMRI als Quelle zu nutzen. Damit nahm die Bereitschaft, dem arabisch/islamischen Antisemitismus mildernde Umstände zuzugestehen ab, während die Frage nach dessen Ursprüngen neues Gewicht erhielt.

Viertens aber konnte sich entlang dieser Fragestellung eine neue Forschungsrichtung etablieren, die damit begann, den möglichen Anteil des Nationalsozialismus und des Islamismus am Aufkommen dieses Antisemitismus in mehreren Buchproduktionen zu thematisieren.[12] Vor dem 11. September hatte allein Robert Wistrich in seinem 1985 erschienenen Buch Hitler’s Apocalypse. Jews and the Nazi Legacy die “ideologische Annäherung zwischen dem islamischen und dem nationalsozialistischen Antisemitismus” beschrieben und den möglichen “Zusammenhang zwischen der,Endlösung’ der Nazis und den späteren Versuchen, den Staat Israel zu vernichten” thematisiert.[13] Nach dem 11. September 2001, nahmen andere diesen Faden neu auf.

So erschien in 2002 mein Buch Djihad und Judenhass, das die vorhandenen Sekundärquellen zusammenfasst und darlegt, wie die Nazis versuchten, eine dezidiert antisemitische Sicht auf den Nahostkonflikt in der arabischen Welt zu verbreiten.

Ab 2004 rückte die nationalsozialistische Radiopropaganda in das Blickfeld des Interesses: Über „Radio Zeesen“ verbreitete Berlin zwischen 1939 und 1945 den Antisemitismus täglich auf Arabisch, Persisch, Türkisch und Hindu in die islamischen Welt.[14] So entdeckte der Historiker Jeffrey Herf die wörtlichen Aufzeichnungen dieser Sendungen in einem amerikanischen Archiv. Seine Studie Nazi Propaganda for the Arab World von 2009 wertet diese Quellen erstmals aus.[15] Sie bezeugen die gezielten Anstrengungen der Nazis, die Judenfeindschaft aus der Frühzeit des Islam zu popularisieren und unter Verwendung der Muster des europäischen Antisemitismus zu radikalisieren. Herf macht uns gleichzeitig mit der Kontinuität dieses Antisemitismus nach 1945 vertraut. So zitiert er das Loblied, das Hassan al-Banna, der Führer der Muslimbruderschaft, im Juli 1946 auf Amin el-Husseini, dem früheren Mufti von Jerusalem, sang: „Der Mufti ist Palästina, und Palästina ist der Mufti. … Was für ein Held…, der mit der Hilfe Hitlers und Deutschlands … gegen den Zionismus kämpfte. Deutschland und Hitler sind nicht mehr, aber Amin Al-Husseini wird den Kampf fortsetzen. … Amin! Vorwärts! … Wir stehen hinter Dir!“[16] Zu diesem Zeitpunkt konnte Hassan al-Bannas Muslimbruderschaft allein in Ägypten eine Millionen Anhänger auf die Straßen bringen.[17]

2006 gelang den Historikern Martin Cüppers und Klaus-Michael Mallmann mit der Studie Halbmond und Hakenkreuz der Nachweis, dass die Nazis im Mittleren Osten ihre osteuropäische Politik zu wiederholen suchten: Ausrottung der Juden mithilfe der nichtjüdischen einheimischen Bevölkerung. Beide Historiker griffen die gängige Vorstellung über den Ursprung des arabischen Antisemitismus offen an: Die Behauptung, wonach der Antisemitismus der Palästinenser „ein Reflex auf die systematische Verdrängungspolitik“ der Zionisten gewesen sei, entbehre der Grundlage. „Ursache und Wirkung“ würden hier „geradezu klassisch auf den Kopf gestellt“.[18]

2009 folgte die Pionierstudie From Empathy To Denial von Meir Litvak und Esther Webman über die Holocaustleugnung in der arabischen Welt. Darin zeigen sie, dass selbst noch die „Holocaust-Befürwortung nicht auf marginale oder radikale Kreise und deren Medien begrenzt war, sondern in den gewöhnlichen Kulturbetrieb integriert, ohne im arabischen öffentlichen Diskurs auf deutliche Kritik oder eine Verurteilung zu stoßen.[19]

Ein neuer Blick auf den Nahostkonflikt

Der neue Forschungsansatz hat bereits jetzt eine imposante Fülle neuer Erkenntnisse zutage gefördert – Erkenntnisse, die geeignet sind, unseren Blick auf den Nahen Osten in wenigstens zweierlei Hinsicht zu verändern.

Sie erlauben uns erstens, die Frage nach den Wurzeln des arabischen Antisemitismus präziser als bisher zu beantworten. So hatte es noch Anfang der Dreißigerjahren mehrere miteinander konkurrierende Erklärungsraster gegeben, um den Palästinakonflikt zu deuten und gegebenenfalls zu lösen – der antisemitische Ansatz, den der Mufti von Jerusalem bereits vor 1933 verfolgte, war nur einer von vielen. In diese Gemengelage griffen die nationalsozialistischen Propagandisten von außen ein. Sie nutzten den Palästinakonflikt als Vehikel, um ihren Judenhass größtmöglich zu verbreiten und arbeiteten hierbei mit der jungen islamistischen Bewegung, die den Zionismus aus religiösen Erwägungen als ihren Todfeind betrachtete, zusammen. Die suggestive Mixtur aus NS-Losung, Koransure und Zitat aus den „Protokollen der Weisen von Zion“, die die Radioprogramme der Nazis den analphabetisierten Massen seit 1939 zuteilwerden ließen, verfehlte ihre Wirkung nicht. Allmählich begann ein relevanter Teil der arabischen Welt den Nahostkonflikt durch eine antisemitische Brille zu betrachten. Es war, um Jean-Paul Sartres „Betrachtungen zur Judenfrage“ zu paraphrasieren, nicht länger „die Erfahrung, die den Begriff des Juden schaffte.“ Stattdessen „fälschte das Vorurteil die Erfahrung.“[20]

Die neue Forschung erlaubt uns zweitens, den neuralgischen Wendepunkt im Nahostkonflikts – die Ereignisse von 1947 und 1948 – neu in den Blick zu nehmen. Am 29. November 1947 beschlossen die Vereinten Nationen die Zweistaatenlösung für Palästina. Seither führten zunächst arabische Freischärler und später ganze arabische Armeen Krieg, um die Umsetzung des VN-Beschlusses zu verhindern. Nicht die Gründung des jüdischen Staats, wie im Handbuch des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung behauptet, sondern dieser Krieg und die 1949 besiegelte Niederlage der arabischen Armeen lösten die massenhafte Flucht und Vertreibung von Arabern aus Palästina mit all den bekannten Folgen aus.

Wenn aber stimmt, was Hillel Cohen als ein Resultat seiner Studien berichtet, wenn „kaum bezweifelt werden kann, dass die inflexible Haltung des Mufti und dessen Weigerung, irgendeinen Teilungsplan zu akzeptieren die entscheidenden Gründe für den Ausbruch des Krieges von 1948 gewesen sind“[21] und wenn es stimmt, dass eine Mehrheit der palästinensischen Araber diesen Krieg ablehnte, sodass die eigentliche Machtbasis des Mufti die notorisch antisemitische Muslimbruderschaft war – dann verändert auch dies unseren Blick auf den Nahostkonflikt. Dann nämlich gälte es als erwiesen, dass der Antisemitismus – von den Nazis zwischen 1939 und 1945 systematisch verbreitet und von Amin el-Husseini und der Muslimbruderschaft zwischen 1946 und 1948 weiter geschürt – der Auslöser war, der diese wesentlichste aller Zuspitzungen im Nahostkonflikt provozierte. Aus beiden Erkenntnissen würde folgen, dass die Politik Israels für diesen Judenhass nur sehr bedingt verantwortlich gemacht werden kann, dass der Antisemitismus in Nahost nicht weniger gefährlich ist, als sein europäischer Vorläufer, und dass, wer den Nahostkonflikt wirklich lösen will, zuerst dieser Ideologie entgegentreten muss.

Verständlicherweise lösten die neuen Publikationen größere internationale Debatten aus, die in den USA selbst so relevante Medien wie die Zeitschrift Foreign Affairs und das Wall Street Journal erreichten. Wer allerdings erwartet hatte, dass die Islam- und Nahostwissenschaften die neuen Erkenntnisse begrüßen und durch eigene Recherchen vervollständigen würden, sah sich getäuscht. In der Regel fielen die Reaktionen der entsprechenden Fachzeitschriften feindselig aus. Welche Gesichtspunkte bringen die Kontrahenten des neuen Forschungsansatzes vor? Ich fange mit einer besonderen Kategorie von Einwänden an: dem Vorwurf, die oben genannten Autorinnen und Autoren betrieben wissentlich oder unwissentlich Propaganda für Israel.

Waffe im „Propagandakrieg“?

Besonders scharf wird dieser Vorwurf von Gilbert Achcar artikuliert. Achcar ist Professor an der School of Oriental and African Studies in London und Autor des Buches The Arabs and the Holocaust, das namhafte Wissenschaftler wie Francis R. Nicosia und Peter Novick loben und das eine Reihe von Autoren als die bis dato beste wenn nicht gar abschließende Kritik am neuen Forschungsansatz bezeichnen.

Wer den arabischen Antisemitismus dokumentiere und analysiere, arbeite Israel in die Hände, behauptet Achcar. Zwar lehnt auch er diesen Antisemitismus ab. Er kritisiert ihn aber nicht, weil er Juden gefährdet und Konflikte verschärft, sondern weil „die antisemitischen Hirngespinste in Wirklichkeit Israel bei der Produktion von anti-arabischer Propaganda helfen.“Das Middle East Media Research Institute (MEMRI), das jene „Hirngespinste“ übersetzt und dokumentiert, agiere, so Achcar, wie eine „Unterabteilung des israelischen Propagandadienstes“ während Robert Wistrich, der zu den renommiertesten Antisemitismusforschern der Welt zählt, nur „ein weiterer Akademiker im anti-arabischen Propagandakrieg“ sei.[22] Achcar wirft MEMRI oder Prof. Wistrich nicht vor, falsch zu übersetzen, falsch zu berichten oder falsch zu interpretieren. Er kritisiert sie, weil der Fokus ihrer Tätigkeit Israel angeblich nütze. Nach dieser Logik kann der Propagandafalle nur entgehen, wer den arabischen Antisemitismus entschuldigt oder ignoriert.

Soweit würde Renè Wildangel, ein langjähriger früherer Mitarbeiter des Berliner Zentrum Moderner Orient (ZMO) nicht gehen. Doch ist auch er davon überzeugt, dass der neue Forschungsansatz den Arabern Schaden zufügen soll. So seien bei der „prominenten Thematisierung des Großmuftis … handfeste geschichtspolitische Motive“ im Spiel, die darauf abzielten, „arabische Ansprüche im Nahostkonflikt zu diskreditieren.“[23] Ob die Befassung mit dem Mufti dazu dient, Legenden zu erfinden oder reale Abläufe darzustellen, scheint ihm zweitrangig zu sein.

Peter Wien, Assistenzprofessor für Geschichte an der Universität von Maryland, pflichtet Wildangel bei. Die Beziehung zwischen dem Antisemitismus der Nazis und der arabischen Welt werde „genutzt, [um] die Legitimität sämtlicher arabischer politischer Bewegungen des 20. Jahrhunderts unabhängig von deren Ideologie zu bestreiten.”[24] Ich glaube zwar nicht, dass diese Aussage stimmt. Doch lässt sich selbstverständlich jedes Forschungsergebnis für politische Zwecke missbrauchen. Darauf folgt nicht, jene Forschung einzustellen, sondern sie gegen die Gefahr des intellektuellen Betrugs und der Korrumpierung durch politische Parteinahme, so gut es geht, zu schützen.

Peter Wien aber trennt Politik und Wissenschaft ausdrücklich nicht. Nach seiner Überzeugung ist die Frage der Beziehung zwischen den Nazis und der arabischen Welt „für die Festlegung der wissenschaftlichen und der politischen Herangehensweise an Schlüsselthemen der Nahostgeschichte paradigmatisch geworden.“[25] Hier werden Politik und Wissenschaft in einer Weise vermischt, die es nahelegt, bestimmte Themenbereiche aus politischen Gründen – um z.B. arabischen politischen Bewegungen nicht zu nahe zu treten – zu meiden.

Ähnlich scheint dies Götz Nordbruch, Assistenzprofessor am Zentrum für zeitgenössische Studien des Mittleren Ostens an der Universität von Süddänemark zu sehen. Auch er führt „die jüngste Welle an wissenschaftlichem Interesse“ an diesem Thema auf politische Interessen zurück: „Die Suche nach Legitimität auf den jeweiligen Seiten des arabisch-israelischen Konflikts schließt zunehmend Hinweise auf die Geschichte Nazideutschlands mit ein.“ Als Beleg dient ihm die Verbreitung eines Fotos durch das israelische Außenministerium, das Amin el-Husseini gemeinsam mit Adolf Hitler zeigt. Damit habe man „die palästinensischen Opponenten Israels im aktuellen Konflikt diskreditieren wollen“[26], schreibt Nordbruch. Selbst wenn dies stimmen sollte, bleibt doch schleierhaft, wie die Verbreitung eines solchen Fotos seriöse Forschung in Misskredit bringen kann.

Der gemeinsame Nenner der Äußerungen von Nordbruch bis Achcar liegt in einem Imperativ, der an die politisierte Wissenschaftspolitik der untergegangenen Sowjetunion erinnert: Finger weg von einer Forschungsrichtung, die möglicherweise den „Guten“ schadet und den „Falschen“ nützt. Der Historiker Jeffrey Herf hat diesen Mechanismus im Mai 2010 auf einer Historikertagung in Tel Aviv zum Thema Arab Responses to Fascism and Nazism, 1933-1945 explizit erlebt: „Ich habe … Beweise für diese Kollaboration [der Islamisten mit den Nazis] in Hülle und Fülle erbracht. … Trotzdem hörte ich einen Teilnehmer dieser Konferenz sagen, solche Beweise schädigten die arabische und palästinensische Sache – auch wenn sie wahr seien, und daher solle man sie nicht präsentieren.“[27]

Nun ist der genozidale Antisemitismus von Hisbollah und Hamas aber eine Tatsache, die niemand leugnen kann. Wie erklären und kommentieren die Kritiker des neuen Forschungsansatzes den Antisemitismus in der arabischen Welt?

Der etwas bessere Antisemitismus

Ich beginne mit Marc Lynch, seines Zeichens Professor der Politikwissenschaft und Direktor des Institute for Middle East Studies an der George Washington Universität. Lynch hat das jüngste Buch des bekannten amerikanischen Intellektuellen Paul Berman, The Flight of the Intellectuals, für die Zeitschrift Foreign Affairs rezensiert. Bedeutsam ist hier eine Episode, in der sich Berman mit dem islamistischen Prediger Yussuf al-Qaradawi beschäftigt. Seine Auftritte bei dem TV-Sender Al Jazeera haben Qaradawi zum wichtigsten Ideologen der Muslimbruderschaft gemacht.

Im Januar 2009 verteidigte Qaradawi den Holocaust als gerechte Strafe Gottes. Berman zitiert ihn in seinem Buch: „Immer wieder schickte Allah jemanden, der die Juden wegen ihrer Korruption bestrafte. Die letzte Bestrafung führte Hitler durch. Durch das, was Hitler den Juden antat, war es ihm möglich, ihnen den Platz zuzuweisen, der ihnen gebührt.“ In einer anderen Sendung rief Qaradawi zum Massenmord auf: „Oh Allah, lasse keinen von [dieser jüdischen Zionistenbande] am Leben. Oh Allah, zähle sie und töte sie bis zum letzten Mann.“[28] Auch dieser Aufruf wird bei Berman zitiert.

Lynch weigerte sich, diesen aggressiven Antisemitismus zur Kenntnis zu nehmen. Qaradawi sei ein moderater Muslim, schrieb er und fügte hinzu: „Gleichzeitig ist er … gewiss Israel gegenüber feindlich eingestellt.“[29] Lynch hat somit selbst noch Qaradawis Beifall für den Holocaust als Ausdruck einer – in seinen Augen vermutlich legitimen – Israelfeindschaft interpretiert.

In der folgenden Ausgabe von Foreign Affairs kritisierte Paul Berman diese Beschönigung. Er warf Lynch vor, sich hinter dem Euphemismus „feindlich gegenüber Israel“‘ zu verstecken, obwohl er in Wirklichkeit,hitlerisch‘ meine. Lynch aber bekräftigte seine Position. Qaradawi habe mit den oben zitierten Äußerungen „einer extrem feindlichen Sichtweise auf Israel Gehör verschafft.”[30]

Der Fluchtreflex, den hier ein amerikanischer Nahostspezialist in der wichtigsten außenpolitischen Zeitschrift der USA offenbart, spricht Bände. Lynch stellt sich blind und legt die unmissverständliche Hetze Qaradawis so aus, wie es seiner eigenen politischen Agenda – seinem Wunsch nach Zusammenarbeit mit dem „moderaten Islamisten“ Qaradawi – passt. Gleichzeitig behandelt er ihn herablassend wie ein Kind. Hätte ein christlicher Führer des Klu-Kux-Clan eben dass gesagt, was Qaradawi seinem Millionenpublikum offerierte, hätte Lynch dessen Worte vermutlich als „Hitler’schen“ Antisemitismus kritisiert. Das Wort eines Muslims scheint bei Lynch hingegen weniger Gewicht zu haben. Nur deshalb nimmt er sich das Recht, Qaradawis Eloge auf den Holocaust als „Feindseligkeit gegenüber Israel“ zu übersetzen.

Demgegenüber schlägt Gilbert Achcar, auf den sich Lynch in Foreign Affairs positiv bezieht, eine andere Linie ein. Er weicht der Hässlichkeit des arabischen Antisemitismus nicht aus, schiebt sie aber Israel in die Schuhe: „Die antisemitischen Erklärungen, wie man sie heute in den arabischen Ländern hört, (sind) phantasiebeladene Ausdrucksformen … einer intensiven nationalen Frustration und Unterdrückung, für die in ihrer Mehrheit,die Juden‘ in Palästina, sowie Israel, der,jüdische Staat‘, den sie gründeten, verantwortlich gemacht werden müssen.“[31]

Achcar will auf diese Weise zwischen dem verdammungswürdigen Antisemitismus der Nazis und den frustrierten „Ausdrucksformen“ der Araber einen Trennungsstrich ziehen. Würde er sich jene „phantasiebeladenen Ausdrucksformen“ genauer anschauen, würde er jedoch schnell merken, dass es hier um Vernichtungsphantasien geht. Diese haben mit realen Konflikten nichts zu tun. Andernfalls hätten wir es nicht mit Antisemitismus, sondern mit gerechtfertigtem oder ungerechtfertigtem Zorn über eine bestimmte israelische Regierungspolitik zu tun – einem Zorn, der nicht auf Vernichtung, sondern auf Verhaltensänderung zielt.

Achcar aber bringt sogar für die Verbreitung der „Protokolle der Weisen von Zion“ mildernde Umstände ins Spiel. So meint er, zwischen „einer antisemitischen und einer antizionistischen Lesart“ der Protokolle eine „qualitative Differenz“ entdecken zu können, weshalb es „notwendig“ sei, zwischen einer entschuldbaren und einer unentschuldbaren Verbreitung jener „Protokolle“ zu unterscheiden.[32]

Gewiss ist es richtig, dass sich die Rahmenbedingungen des arabischen Antisemitismus von den Rahmenbedingungen des Nazi-Antisemitismus grundlegend unterscheiden. Umso mehr muss aber die Ähnlichkeit der gegenwärtigen Parolen, Karikaturen und Phantasien mit denen der Nazis frappieren. Doch eben diese Ähnlichkeit wollen Lynch und Achcar nicht sehen. Hierauf gehen auch die anderen Kritiker des neuen Forschungsansatzes wie Götz Nordbruch in den Middle Eastern Studies oder Peter Wien und Joel Beinin im International Journal of Middle East Studies nicht ein. Es ist die Weigerung, genau hinzugucken, was diese Autoren vereint. Diese Eigenart setzt sich im Umgang mit der Extremform von Antisemitimus – der Leugnung des Holocaust – fort.

Mildernde Umstände für Holocaust-Leugner

Gilbert Achcar nannte sein Buch zwar „The Arabs and the Holocaust“. Dennoch geht er darin auf die konkreten Äußerungen arabischer Holocaustleugner nicht ein. Mehr noch: Er äußert sich darin verächtlich über jene, die dies tun: „Ich überlasse anderen die perverse Genugtuung, all die Trivialitäten über den Holocaust zu katalogisieren, die in der arabischen Welt geäußert wurden.“[33] Sein Interesse gilt vorrangig dem Nachweis, dass Israel auch für die Holocaust-Leugnung verantwortlich sei. Seine Beweisführung ist jedoch kompliziert: Angeblich habe Israel immer wieder versucht, Legitimitätskrisen durch eine „politische Ausbeutung der Erinnerung an den Holocaust“ zu überwinden. Achcar führt als Beispiel das Jahr 1982 an. In diesem Jahr habe Israel nach seinem Einmarsch in den Libanon einen weltweiten Imageverlust erlitten und sich genötigt gesehen, sein Image durch eine besonders massive Beschwörung des Holocaust aufzuwerten. Diese Propagandaoffensive habe die arabische Welt zur Leugnung des Holocaust überhaupt erst provoziert: „The denial in the Arab world … began with the invasion of Lebanon in 1982.“[34]

Zwar ist es richtig, dass 1982 der israelische Ministerpräsident Menachem Begin den in Beirut verschanzten Arafat mit Hitler verglich. Doch hatte sich Begin gerade damit in Israel diskreditiert. „Viele Israelis dachten, dass Begins Holocaust-Besessenheit zu dem unglücklichen Unterfangen [des Libanon-Kriegs] geführt habe“, betont Peter Novick, ein Autor, auf den sich Achcar gern beruft.[35] Von einer „Propagandaoffensive Israels“ kann demnach keine Rede sein. Noch absurder ist Achcars Behauptung, wonach die arabische Holocaust-Leugnung 1982 ihren Anfang nahm.

Die von Herf präsentierten Dokumente belegen, dass die Holocaustleugnung im arabischsprachigen Nazi-Rundfunk bereits 1943 begann: Es handele sich bei der Behauptung der Judenvernichtung um „verdammte Lügen der Juden“, die „mit ihren Tränen weltweites Mitleid erregen wollen“, teilte der Nazi-Sender am 27. Juni 1943 seinen Hörern mit.[36] Schon im Mai 1945 griff die in Jerusalem erscheinende Zeitung Filastin dieses Thema wieder auf: „Die Juden haben die Anzahl ihrer Opfer in Europa gewaltig übertrieben, um weltweite Überstützung für ihre geplanten Katastrophe [den Judenstaat in Palästina] zu erhalten.“ Die Nazi-Tyrannei habe „den Juden nicht mehr Schaden [zugefügt], als den Deutschen“, behauptete im September 1945 auch die ägyptische Zeitung Akbhar al-Yawm.[37] Meir Litvak und Esther Webman weisen nach, dass die Holocaust-Leugnung seither stets Teil des öffentlichen Diskurses in Ägypten geblieben ist.

Achcar freilich ordnet die Realität seinem politischen Credo unter. Er stellt die Leugnung des Holocaust als die verzweifelte Reaktion einer unterlegenen Gruppe auf das Vorpreschen eines allmächtigen Israels dar. „Sind alle Formen der Holocaustleugnung gleich?“, fragt er rhetorisch und fährt fort: „Sollte solch eine Leugnung, wenn sie von den Unterdrückern kommt, nicht unterschieden werden von einer Leugnung aus den Mündern der Unterdrückten, so wie zwischen dem Rassismus weißer Herrscher und dem der unterjochten Schwarzen unterschieden wird?“[38]

Damit stellt Achcar den Holocaust-Leugnern, sofern sie zu den „Unterdrückten“ gehören, einen moralischen Freibrief aus: Was bei anderen ein Skandal wäre, wird hier akzeptiert. Er stempelt zugleich die Araber als die „Dummen“, die nicht wüssten, was sie tun. Wenn Araber den Holocaust leugnen, betonte er in einem Interview, habe dies „nichts mit irgendeiner Überzeugung zu tun. Es ist halt die Form, mit der die Leute ihrer Wut und ihrem Frust Luft machen, mit den einzigen Mitteln, die ihnen, wie sie glauben, zur Verfügung stehen.“[39] Auf diese Weise erlaubt sich auch Achcar gegenüber arabischen Antisemiten, was er gegenüber französischen Antisemiten niemals tun würde: Er weigert sich, sie als Menschen anzuerkennen, die für ihr Reden und Handeln verantwortlich sind.

Indem er sich für die konkrete Artikulation der arabischen Holocaust-Leugnung nicht interessiert, sie jedoch als Sonderform des Antizionismus gleichzeitig in Schutz nimmt, liefert Achcar ein Paradebeispiel für den Zusammenhang von Unwissenschaftlichkeit und Unmoral. „Wissenschaftliche Genauigkeit und moralische Integrität verhalten sich zueinander komplementär“, hatte Elie Kedourie, der große Nahosthistoriker einst erklärt.[40] Anders gesagt: Wissenschaftliches Fehlverhalten und moralischer Bankrott gehören zusammen.

Gleichwohl kam Achcars Buch bei deutschen Nahosthistorikern sehr gut an. Professor Alexander Flores, Islamwissenschaftler an der Universität Bremen, lobte überschwänglich Achcars „großes Buch“.[41] Das Berliner Zentrum Moderner Orient (ZMO) sprach von einem „bahnbrechenden Buch“ und lud den Autor im Mai 2010 zu einer von der Bundesregierung geförderten Lesung ein. Es handele sich um „eine sachliche und solide Untersuchung von großer Bedeutung“, betonte Ulrike Freitag, die Direktorin des ZMO. „Was viele heute dazu bewegt, den Holocaust zu leugnen oder die Zahl der Opfer anzuzweifeln, habe mit der Instrumentalisierung dessen durch Israel im Nahostkonflikt zu tun.“[42] Was sie aber mit dem Vorwurf der „Instrumentalisierung“ des Holocaust „durch Israel“ meinte, ließ die ZMO-Direktorin offen.

Eine noch explizitere Position nimmt der langjährige ZMO-Mitarbeiter René Wildangel in seiner Doktorarbeit ein: „Je stärker der Holocaust als legitimatorisches Motiv für den israelischen Staat gedeutet wurde, desto unmöglicher wurde seine Anerkennung aus arabischer Sicht.“[43] Hier offenbart der Autor, wie außerordentlich feindselig er Israel gegenüber eingestellt ist. Folgen wir nämlich seinem Denkmuster, wäre es „aus arabischer Sicht“ ebenso „unmöglich“, die Existenz des zweiten jüdischen Tempels anzuerkennen, da auch die Vorgeschichte Palästinas zu Israels „legitimatorischen“ Motiven gehört. Fakten gelten hier als Fiktionen und Fiktionen als Fakten, solange nur die antiisraelische Ausrichtung stimmt.

Darüber hinaus entschuldigt auch Wildangel die arabischen Holocaustleugner, indem er sie als Marionetten zeichnet, die lediglich reflexhaft zu handeln und zu denken in der Lage sind, weshalb es ihnen leider ganz „unmöglich“ sei, den Holocaust als historische Tatsachen anzuerkennen. Wie sehr sich Wildangel und Kollegen mit dieser Verächtlichmachung der arabischen Subjekte täuschten, hat der „arabische Frühling“ von 2011 gezeigt.

Imbada und der arabischen Frühling

Niemand kennt die Zukunft der von Aufständen erschütterten Länder der arabischen Welt. Auf der einen Seite steht die Hoffnung, dass die revolutionären Ereignisse das Selbstbewusstsein und das Verantwortungsbewusstsein der Individuen stärken und damit die Nachfrage nach jüdischen Sündenböcken schwächen werden.

Auf der anderen Seite lauern machtvolle Kräfte wie das iranische Regime und die Muslimbruderschaft auf ihre Chance. „Die arabischen Revolutionen“ behauptete Safaa Saleh im Mai 2011 in ihrem eingangs zitierten Kommentar, seien lediglich „die Umsetzungen der koranischen Verse in denen es heißt, dass sich die Araber zusammenschließen und die Juden bekämpfen werden.“[44]

Vor diesem Hintergrund ist es nicht allein Salehs Eloge auf Hitler, die nach Erklärungen verlangt. Warum druckte die ägyptische Regierungszeitung Al-Gumhouriyya Salehs Kommentar freiwillig ab? Warum provozierte diese Veröffentlichung keine wahrnehmbare Kritik?

Die Kontrahenten des neuen Forschungsansatzes wollen schon die Suche nach Erklärungen diskreditieren. Sie werfen stattdessen politische Schlagwörter wie Handgranaten in den Raum: „Israels Propagandakrieg!“, „Instrumentalisierung des Holocaust!“, „Antiarabische Propaganda!“ Wenn auch jede dieser Chiffren für sich betrachtet kaum einen Aussagewert besitzt, erfüllen sie doch ihren Zweck: Sie helfen einer bestimmten Gruppe von Akademikern, den eigenen intellektuellen Selbstbetrug zu rationalisieren und markieren eine Tabuzone, die ein Wissenschaftler nicht überschreiten darf, möchte er nicht riskieren, als „Propagandist Israels“ beschimpft zu werden. Es geht um die Betäubung des kritischen Geistes, um die Rationalisierung einer Leidenschaft, die sich negativ auf Israel bezieht, um die Verteidigung eines bestimmten Weltbilds gegen die Anfechtungen der Realität.

Irrationale Ideologien sind weniger leicht zu vertreiben als illegitime Herrscher. Noch ist in Ägypten die positive Berufung auf Adolf Hitler nicht geächtet. Noch wird das Begehren, Israel zu vernichten, selten hinterfragt und kaum je bekämpft. Solange aber selbst die Wissenschaft diesen Judenhass als Ausfluss jüdischen Verhaltens fehldeutet, wird die Befreiung der arabischen Völker vom Antisemitismus nicht erleichtert, sondern blockiert.

Erstveröffentlichung in leicht gekürzter Form: Tribüne, 50. Jahrgang, Heft 199, 3. Quartal 2011, S. 101-112.


[1] Article in Egyptian Daily: The Jews are behind the clashes between Egypt’s Muslims and Copts, in: MEMRI, Special Dispatch, No. 3844, May 17, 2011.

[2] John Rosenthal, Democracy or Jew-Hatred? More evidence of Antisemitism at the Egypt Protests, on: http://pajamasmedia.com/blog/democracy-or-jew-hatred-more-evidence-of-anti-semitism-at-the-egypt-protests/

[3] Yehoshafat Harkabi, Arab Attitudes to Israel, Jerusalem (Keter Publishing House) 1972, p. 298.

[4] Bernard Lewis, Semites and Anti-Semites, London (Weidenfeld and Nicolson) 1986, p. 259.

[5] Harkabi, a.a.O., pp. 299-302.

[6] Lewis, a.a.O., p. 240.

[7] Joel Beinin, Book review of Jeffrey Herf, Nazi Propaganda in the Arab World and Meir Litvak and Esther Webman, From Empathy to Denial, in: International Journal of Middle East Studies, Vol. 42, No. 4.

[8] Werner Bergmann, Zur Entstehung von Feindbildern im Konflikt um Palästina, in: Wolfgang Benz (Hg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung 12, Berlin (Metropol) 2003, S. 16f.

[9] Pressemitteilung der Technischen Universität Berlin „Die Entstehung von Feindbildern im Konflikt um Palästina“ vom 31. August 2000, auf: http://idw-online.de/pages/de/news?print=1&id=23924 .

[10] Götz Nordbruch, Palästina, in: Wolfgang Benz, Hg., Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Band 1: Länder und Regionen, München (K.G. Saur) 2008, S. 261. Die entsprechende Passage ist vollständig zitiert.

[11] Hillel Cohen, Army of Shadows. Palestinian Collaboration with Zionism, 1917-1948, Berkeley and Los Angeles (University of California Press) 2008, S. 259.

[12] 2001 erschienen in Berlin die von Gerhard Höpp herausgegebenen Mufti-Papiere. Briefe, Memoranden, Reden und Aufrufe Amin al-Husainis aus dem Exil, 1940-1945 (Klaus Schwarz Verlag). 2002 veröffentlichte der Freiburger Ca Ira-Verlag mein Buch Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg. 2004 kam in Berlin der Band Blind für die Geschichte? Arabische Begegnungen mit dem Nationalsozialismus, herausgegeben von Gerhard Höpp, Peter Wien und René Wildangel auf den Markt (Klaus Schwarz Verlag). 2006 veröffentlichten Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers in Darmstadt ihre Monographie Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Peter Wien in London das Buch Iraq Arab Nationalism. Authoritarian, Totalitarian and Pro-Fascist Inclinations 1932-1941 (Routledge) und Jeffrey Herf seine auch auf den Nahen Osten bezugnehmende Studie The Jewish Enemy. Nazi Propaganda During World War II and the Holocaust. 2007 erschienen in Belgrad die englische Version der von Jennie Lebl ursprünglich auf serbo-kroatisch verfassten Studie The Mufti of Jerusalem Haj-Amin el-Husseini and National-Socialism (Cigoja-Verlag), in Berlin René Wildangels Studie Zwischen Achse und Mandatsmacht. Palästina und der Nationalsozialismus (Klaus Schwarz Verlag), in Darmstadt eine Neuauflage des 1988 erstmals veröffentlichten Buches von Klaus Gensicke, Der Mufti von Jerusalem und die Nationalsozialisten (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) sowie in New York die englische Fassung von Djihad und Judenhass: Jihad and Jew-Hatred. Islamism, Nazism and the Roots of 9/11 (Telos Press). 2008 kam das Buch Icon of Evil. Hitler’s Mufti and the Rise of Radical Islam von David G. Dalin/John F. Rothmann in New York (Random House) auf den Markt. 2009 erschienen in London die Untersuchung von Meir Litvak und Esther Webman: From Empathy to Denial. Arab Responses to the Holocaust (Hurst & Company) sowie Götz Nordbruchs Studie Nazism in Syria and Lebanon. The ambivalence of the German option 1933-1945 (Routledge). In New Haven erschien das Buch von Jeffrey Herf Nazi Propaganda for the Arab World (Yale University Press) sowie in New York Gilbert Achcars Buch The Arabs and the Holocaust. 2010 schließlich erschienen in New York das im Vorjahr auf französisch veröffentlichte Buch von Mallmann und Cüppers: Nazi Palestine: The Plans For the Extermination of the Jews in Palestine, New York (Enigma Books) 2010 sowie Paul Berman’s The Flight of the Intellectuals (Mellvillehouse).

[13] Robert Wistrich, Der antisemitische Wahn, München (Max Hueber) 1987, p. 313, 304.

[14] Matthias Küntzel, Von Zeesen bis Beirut. Nationalsozialismus und Antisemitismus in der arabischen Welt, in: Doron Rabinovici, Ulrich Speck und Natan Sznaider, Neuer Antisemitimus? Eine globale Debatte, Frankfurt/M. (Suhrkamp Verlag) 2004, pp.271-293.

[15] Jeffrey Herf, Nazi Propaganda for the Arab world, New Haven (Yale University Press) 2009.

[16] Jeffrey Herf, a.a.O., pp. 243-4 sowie ders., Hitlers Dschihad, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 2/2010, S. 285f.

[17] Richard P. Mitchell, The Society of the Muslim Brothers, London (Oxford University Press) 1969, S. 328.

[18] Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers, Halbmond und Hakenkreuz, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2006, S. 256.

[19] Meir Litvak and Esther Webman, From Empathy to Denial, London (Hurst & Company) 2009, p. 195. Hervorhebung: MK.

[20] Jean-Paul Sartre, Betrachtungen zur Judenfrage, in: Jean-Paul Sartre, Drei Essays, West-Berlin (Ullstein) 1970, S. 111.

[21] Hillel Cohen, a.a.O., S. 10.

[22] Achcar, a.a.O., p. 182 und 213.

[23] René Wildangel, Auf der Suche nach dem Skandal. Eine Reaktion auf den Themenschwerpunkt,Nazikollaborateure in der Dritten Welt‘, in: iz3W Nr. 313, Juli/August 2009.

[24] Peter Wien, Coming to Terms with the Past: German Academia and Historical Relations Between the Arab Lands and Nazi Germany, in: International Journal of Middle East Studies (2010), Vol. 42, No. 2, p. 311. (Hervorhebung: MK)

[25] Ebd.

[26] Götz Nordbruch,,Cultural Fusion‘ of Thought and Ambitions? Memory, Politics and the History of Arab-Nazi German Encounters, in: Middle Eastern Studies, Vol. 47, No.1, January 2011, p. 183.

[27] Das Bild der Dritten Welt wird sich verändern“, Karl Pfeifer im Gespräch mit Jeffrey Herf, in: Jungle World, 15. Juli 2010.

[28] Paul Berman, a.a.O., S. 78 und 92.

[29] Marc Lynch, Veiled Truths. The Rise of Political Islam and the West, in: Foreign Affairs, July/August 2010.

[30] Paul Berman, Islamism, Unveiled. From Berlin to Cairo and Back Again und Marc Lynch, Lynch Replies, in: Foreign Affairs, September/October 2010.

[31] Achcar, a.a.O., p. 256.

[32] Achcar, a.a.O., S. 208.

[33] Achcar, a.a.0., p. 181.

[34] Achcar, a.a.O., p. 256 sowie Interview: Gilbert Achcar, Arab attitudes to the Holocaust in: SocialistWorker.org, May 20, 2010.

[35] Peter Novick, Nach dem Holocaust, München (Deutscher Taschenbuch Verlag) 2003, p. 215.

[36] Herf, a.a.O., S. 177.

[37] Litvak and Webman, a.a.O., p. 52.

[38] Achcar, a.a.0., p. 276.

[39] Israel’s Propaganda War: Blame the Grand Mufti. Gilbert Achcar Interviewed by George Miller, auf: http://mrzine.monthlyreview.org/2010/achcar120510p.html

[40] Alain Silvera, Elie Kedourie, politique et moraliste, in: Sylvia Kedourie, ed., Elie Kedourie 1926-1992. History, Philosophy, Politics, London (Frank Cass) 1998, S. 101.

[41] Alexander Flores, Die Araber, der Holocaust und die universalistische Moral, in: inamo Jg. 16, Nr. 62, Sommer 2010.

[42] Samir Grees, Krieg der Narrative, auf: www.Qantara.de, July 5, 2010.

[43] René Wildangel, Zwischen Achse und Mandatsmacht, a.a.O., S. 403.

[44] Article in Egyptian Daily: The Jews Are behind the Clashes between Egypt’s Muslims and Copts, in: MEMRI, Special Dispatch, No. 3844, May 17, 2011.

http://www.matthiaskuentzel.de/contents/hat-israel-am-arabischen-antisemitismus-schuld
http://www.matthiaskuentzel.de/contents/hat-israel-am-arabischen-antisemitismus-schuld-teil-2

MATTHIAS KÜNTZEL: Hat Israel am arabischen Antisemitismus schuld?

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