Der Antisemitismus Vorwurf und kein Ende – Reaktionen auf Mag. Dr. Thomas Hennefeld

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Die folgenden offenen Briefe von Ulrich Sahm und Karl Pfeifer sind Reaktionen auf einen Artikel von Superintendent Mag. Thomas Hennefeld ( KRITISCHES CHRISTENTUM Nr. 340/341 September/Oktober 2010)

http://www.akc.at/Artikel.html

Ulrich Sahm: Offener Brief

Sehr geehrter Herr Pfarrer Mag. Thomas Hennefeld, Landessuperintendent der Evangelischen Kirche H. B. in Österreich und im christlich-jüdischen Dialog als auch in der Solidaritätsarbeit mit Friedenskräften in Israel und Palästina engagiert,

Mit Schrecken und Empörung habe ich Ihren Beitrag “DER ANTI-SEMITISMUS-VORWURF UND KEIN ENDE” gelesen.

Sie diskutieren da offenbar mit irgend welchen obskuren Christen und Juden, freilich ohne sie beim Namen zu nennen, und pauschalisieren auf diese Weise in einer unlauteren Weise.

Wer bezeichnet da Dinge als “Antisemitismus”, wie Sie es hier allen möglichen Gruppen unterstellen? “Besonders wenn es um den Staat Israel geht, wird oft und gerne Antizionismus, Israelkritik und sogar der Einsatz für die Rechte von Palästinensern mit Antisemitismus gleichgesetzt.”

Sie behaupten da, es geschehe “oft und gerne”! Ja von wem denn? Ich kenne da eher eingefleischte Antisemiten, die von einem vermeintlichen „Verbot, Israel zu kritisieren“ schwadronieren, mit Vergnügen dieses „Tabu“ dann brechen, aber noch nie erklären konnten, wer eigentlich ein solches Verbot ausgesprochen hat und wie es bei Zuwiderhandlung geahndet wird.

Angesichts Ihrer Titel gehe ich davon aus, dass Sie die Bedeutung der von Ihnen verwendeten Worte einigermaßen verstehen. Es gibt zweifellos eine „proisraelische“ Haltung, aber was ist denn eine „zionistische Haltung“? Es sollte Ihnen eigentlich bekannt sein, dass der Zionismus die politische Nationalbewegung des jüdischen Volkes war, mit dem Bestreben, für das jüdische Volk einen Staat zu schaffen. Nicht mehr und nicht weniger. Die von den Sowjets in den siebziger Jahren erfundene Ideologie des „Antizionismus“ bedeutet letztlich, dass die Juden kein Volk seien und deshalb auch kein Recht auf einen eigenen Staat hätten. „Zionistische Haltung“ beinhaltet gemäß meinem Verständnis nur, dass man die Existenz des Staates Israel befürwortet (und nicht dessen Legitimität in Zweifel stellt). In diesem Sinne darf ich Ihnen wohl auch eine „zionistische Haltung“ unterstellen. Falls Sie mit dieser Formel jedoch irgend welche politische Ansichten in Israel meinen sollten, dann sollten Sie präzisieren, welche der vielen Parteien oder Politiker sie meinen. Und das nennt sich dann israelische Politik (von links bis rechts), aber nicht „Zionismus“.

„Unter Juden wiederum gibt es eine Haltung…“ Interessant. Wer ist das denn? Sind es unter den 13 Millionen Juden weltweit zwei oder drei oder vier?

Und inhaltlich ist Ihre Unterstellung auch sehr problematisch formuliert.

Wo und wann hat ein namhafter Jude Menschenrechtsverletzungen gerechtfertigt mit einem vermeintlichen Sonderstatus, Leid in der Geschichte usw? Dann reden Sie von vermeintlich gerechtfertigten „aggressiven Eroberungsfeldzügen“. Es wäre interessant zu erfahren, welche Feldzüge Sie da meinen. Mir ist kein einziger israelischer Feldzug bekannt mit der ausdrücklichen und „aggressiven“ Absicht, Land zu erobern. Die meisten Feldzüge hatten zudem eine lange Vorgeschichte, wobei der israelischen „Aggression“ ein arabischer Angriff (1973), arabische Kriegserklärungen (1967), Raketenbeschuss (Libanon und Gaza) oder ein grenzüberschreitender Überfall mitsamt Raketenbeschuss (2006) vorausging.

Ja, es gab bei Verhören Folter. Die wurde allerdings vor einigen Jahren vom Obersten Gericht strikt verboten. Wovon reden Sie also? Wenn einzelne Soldaten oder Beamte dennoch bei Folter erwischt werden, dann werden sie genauso bestraft wie individuelle christliche Verbrecher in Österreich, die sich eines Vergehens schuldig gemacht haben. Sie stellen es jedoch dar, als wenn bei Herrn Muzikant, Barenboim, Frau Knobloch oder bei Emmanuel Rahm Folter als offizielle Politik gerechtfertigt würde.

Atombombe: Sind Sie sicher, dass Israel eine besitzt? Wenn ja, beweisen Sie das doch bitte mal.

„Und je brutaler und skrupelloser die Regierung und das Militär gegen echte oder vermeintliche Terroristen, aber auch gegen die Zivilbevölkerung vorgehen, umso schneller ist man mit dem Antisemitismus-Vorwurf bei der Hand.“

Ja sie haben recht. Terroristen, die sich in die Luft sprengen wollen, sollten höflich ins Land und in die Busse geleitet werden. Sie unterstellen da der israelischen Regierung Brutalität und vor allem Skrupellosigkeit. Was meinen Sie damit? Als skrupellos würde ich eher die tatsächlichen Terroristen bezeichnen, die bereit sind und von Organisationen losgeschickt werden, möglichst viele Juden (ja, ja, das ausdrückliche Ziel sind Juden, auch wenn es gelegentlich Nichtjuden trifft) zu ermorden. Sicherlich betrachten Sie dann auch die Sicherheitskontrollen auf dem Flughafen in Wien als „skrupellos“ weil nämlich sogar Sie als vermeintlicher Terrorist betrachtet werden, bis die Beamten festgestellt haben, dass Sie kein Teppichmesser oder gar ein Rasierwässerchen in Ihrem Handgepäck tragen.

Dass Sie immer noch von „Passagieren“ reden, die „ihre Solidarität mit der leidenden Zivilbevölkerung in Gaza zum Ausdruck bringen wollten“ spricht für Sie. Wer die IHH ist, die die Flottile organisiert hat, deren Gewalteinsatz und Weigerung abzudrehen, deren Sprüche usw scheinen Sie nicht wahrgenommen zu haben.

Es gibt in Ihrem Aufsatz kaum einen Satz, der nicht kritisch hinterfragt werden müsste, aber ich habe keine Lust, auf alle Ihre weiteren Unterstellungen, Pauschalisierungen, falschen Fakten usw einzugehen.

Angewidert stelle ich fest, verehrter Herr Theologe und Landessuperintendent der Evangelischen Kirche H. B. in Österreich, dass Sie sogar einen ungeheuerlichen Begriff aus der Nazisprache verwenden, indem Sie schreiben: “bis die Nicht-Juden keinen Raum mehr zum Leben haben.“ Oder wissen Sie nicht, was mit „Lebensraum“ gemeint ist? Übrigens ist mir neu, dass der Staat Israel die in Israel lebende Minderheit von 20 Prozent Arabern in ihrem „Lebensraum“ einschränkt.

Da Sie ja angeblich auch ein Theologe sind, hier noch eine Anmerkung zu ihrer Behauptung, dass die Juden ein „auserwähltes“ Volk seien. Sie sollten sich hierzu mal mit dem jüdischen Selbstverständnis auseinandersetzen und nicht einfach die uralte anti-jüdische christliche (Ersatz-) Theologie den Juden unterstellen.

Und wenn Sie hier im Zusammenhang von den Juden (!!!) fordern, keine Sonderbehandlung zu erwarten und sich dem internationalen Recht zu unterwerfen, dann frage ich erneut, gegen welches internationale Recht denn Herr Muzikant, Barenboim oder Emmanuel Rahm verstoßen.

Da sie von der „theologischen Erwählung Israels“ schreiben, können Sie nur die Juden, nicht aber den modernen Staat Israel gemeint haben, denn niemand behauptet wohl, dass der Staat jemals von irgend wem „theologisch erwählt“ worden sei.

Alle weiteren Ungeheuerlichkeiten in Ihrem Aufsatz belasse ich erst mal unbeantwortet. Da Sie Ihren Aufsatz veröffentlicht haben, dürften Sie wohl nichts dagegen haben, wenn ich meine Antwort darauf ebenfalls verbreite und veröffentliche.

mfg

Karl Pfeifer: Offener Brief

[email protected]

Liebe jüngere Brüder und Schwestern der reformierten Kirche Österreichs

Dem deutschen Journalisten und evangelischen Theologen Ulrich Sahm gebührt Dank für seine ausgezeichnete Antwort auf den Artikel “DER ANTI-SEMITISMUS-VORWURF UND KEIN ENDE” von Mag. Thomas Hennefeld, Superintendent der evangelischen Kirche helvetischen Bekenntnisses in Österreich, der in der aktuellen online Ausgabe der Zeitschrift „Kritisches Christentum, Beiträge zu Kirche und Gesellschaft“ veröffentlicht wurde.

Ich habe das Inhaltsverzeichnis dieser Zeitschrift angeschaut und – wenn ich nichts übersehen habe – keinen Artikel über den in der reformierten Kirche Ungarns grassierenden Antisemitismus gefunden.

Nun hat Mag. Thomas Hennefeld den Antisemitismus pauschal verurteilt, und auch einmal – nachdem ich ihn anrief – dagegen protestiert, dass sein Budapester Amtsbruder Lóránt Hegedüs jun. den in Österreich wegen Leugnung der NS-Verbrechen verurteilten David Irving in seiner Kirche empfangen hat.

Doch von einer Zeitschrift, die sehr viel Platz der einseitigen gegen Israel gerichteten Agitation und deren österreichische Verbreitern widmet und die gleichzeitig beteuert, sich gegen den Antisemitismus zu wenden, würde man doch auch eine kritische Schilderung der Zustände in der Schwester-Kirche des Nachbarlandes erwarten.

Ich habe keine solche gefunden. Daher gilt noch immer was Rabbi Jochanan im Talmud sagte „Wenn jemand zu einem sagte: Nimm fort den Splitter zwischen deinen Augen, so erwiderte ihm dieser: Nimm fort den Balken zwischen deinen Augen.“ Baba Batra 15b.
Da die wenigsten christlichen Pfarrer geschweige denn Christen den Talmud lesen können, empfehle ich ihnen die Lektüre von Matthäus 7. Ich warte nun gespannt auf die konkrete Aufklärung ihrer Leser über die unglaublichen Zustände in der Calvinistischen Kirche Ungarns.

Karl Pfeifer, Journalist

Kuratoriumsmitglied
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
Wipplingerstr. 6-8
1010 Wien

Der Antisemitismus Vorwurf und kein Ende – Reaktionen auf Mag. Dr. Thomas Hennefeld

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