Antisemitismus wieder „ehrbar“?

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Kritik an Israel und den USA geht oft mit mehr oder weniger offenem Antisemitismus einher. Auch bei Linken. Salzburger Historikerinnen untersuchen das.

Seit dem Beginn der „zweiten Intifada“ im Herbst 2000 warnen Untersuchungen vor einem neuen Antisemitismus in Europa. Nicht mehr Deutschland und Österreich, sondern Frankreich und England stehen dabei im Zentrum der Kritik. Und nicht mehr vorwiegend rechtsextreme Gruppen, sondern junge muslimische Männer, die Antiglobalisierungs- und Friedensbewegung sowie linke und liberale Medien gelten als Träger des neuen Antisemitismus.

„Wir bezweifeln, dass es sich um ein neues Phänomen handelt“ meint die Historikerin Helga Embacher von der Universität Salzburg: „Neu sind die Träger: Junge Männer der zweiten und dritten Generation der wachsenden muslimischen Minderheiten, die am untersten Ende der sozialen Hierarchie in der Gesellschaft stehen.“

Im FWF-Projekt „(Neuer) Antisemitismus – Antiamerikanismus“ untersuchen Embacher, die Wiener Historikerin Margit Reiter und Christian Muckenhumer von der Uni Salzburg den heutigen Antisemitismus in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Ausgehend von der These, dass Kritik an Israel und seinem engsten Verbündeten, der USA, oft einhergeht mit mehr oder weniger offenem Antisemitismus, analysieren sie Berichterstattung und öffentliche Meinung über Israel und USA – konzentriert auf Ereignisse, die Debatten ausgelöst haben: die zweite Intifada, der Terrorangriff auf das World Trade Center und der Irak-Krieg.

„Wie die Nazis“

Woran liegen die Unterschiede im Umgang mit dem Antisemitismus in den drei Ländern? Vor allem in den völlig unterschiedlichen Beziehungen zum Nationalsozialismus. So ist in Deutschland die Shoah als „normative Kontrollinstanz“ wichtiger als in Großbritannien, wo die Rolle des Landes im Zweiten Weltkrieg und die koloniale Vergangenheit das Verhältnis zum Staat Israel und den Umgang der Öffentlichkeit mit Antisemitismus prägen. Ein Beispiel: Im britischen „Guardian“ werden auch Artikel gedruckt, die den Staat Israel an sich in Frage stellen – das wäre für deutsche linksliberale Qualitätszeitungen schwer vorstellbar. In Deutschland dagegen, wo traditioneller Antisemitismus nach Auschwitz tabu war, wird dieser öfter verbrämt geäußert. Dieser „sekundäre Antisemitismus“ kann als Ausdruck von Schuldgefühlen und Wunsch nach Entlastung interpretiert werden. Wenn etwa den Israelis vorgeworfen wird, sie seien im Umgang mit den Palästinensern „wie die Nazis“, dann impliziert das, so Embacher, „dass wir auch nicht so schlimm gewesen sein können“. In Großbritannien kennt man den Begriff „sekundärer Antisemitismus“ gar nicht. Unterschiedlich ist auch die Geschichte der muslimischen Bevölkerung in den drei Ländern: In Frankreich und Großbritannien haben sich viele Moslems aus den ehemaligen Kolonien niedergelassen, nach Deutschland kamen sie als „Gastarbeiter“, vor allem aus der Türkei.

In Frankreich und Großbritannien spielt der muslimische Antisemitismus eine wesentlich größere Rolle als in Deutschland. Die jungen Muslime, die in Frankreich Synagogen anzünden, haben keinerlei Beziehung zum Holocaust. Sie fühlen sich als Opfer des Kolonialismus – etwa Frankreichs in Algerien – und identifizieren sich mit den muslimischen Opfern im Nahostkonflikt und in den Kriegen der USA im Irak und in Afghanistan. „Sie fühlen sich als Palästinenser Europas“, so Embacher. In Großbritannien, das zum Unterschied von Frankreich am Irak-Krieg teilgenommen hat, haben Muslime gemeinsam mit Linken und Globalisierungsgegnern an der „Stop the War Coalition“, der bisher größten Anti-Kriegsbewegung teilgenommen – und ihr den Vorwurf des Antisemitismus eingehandelt. Transparente mit der Aufschrift „We are all Hisbollah“ wurden auch von kleinen Teilen der Linken mitgetragen.

Proteste gegen den Libanonkrieg

Die gegenwärtige Welle des Antisemitismus hängt mit der Eskalation im Nahen Osten zusammen, da sind sich Embacher, Reiter und Muckenhumer mit anderen Forschern einig. Aber das sei an sich noch nichts Neues, meinen sie. Bereits 1982 reagierten vor allem Linke auf den Libanonkrieg mit intensivem Antizionismus und verglichen Israel sogar mit den Nationalsozialisten. Im ersten Golfkrieg 1990/91 fanden in Frankreich Zusammenstöße zwischen Muslimen, die sich mit Saddam Hussein identifizierten, und Juden statt. Und auch in Deutschland und Großbritannien gab es in den Neunzigerjahren eine starke Welle von Antisemitismus.

„Beim Antizionismus und bei der Israelfeindschaft“, schrieb der US-Soziologe Andrei S. Markovits, „handelt es sich längst um neue, legitime Formen des Antisemitismus, denen nicht der Makel des Judenhasses anhaftet, sondern vielmehr ein moralischer Adel, eine moralische Überlegenheit gegenüber den vermeintlichen,Tätern von heute‘, den USA und Israel.“ Auch berechtigte Kritik an Israel und den USA scheine ohne antisemitische Stereotype nicht auszukommen, meint Margit Reiter. Das hat Jean Améry schon 1969 Teilen der Linken angekreidet: „Fest steht: Der Antisemitismus, enthalten im Anti-Israelismus oder Anti-Zionismus wie das Gewitter in der Wolke, ist wiederum ehrbar.“

Vergleiche mit der Situation in den 1930er Jahren, wie sie manchmal von israelischen und amerikanisch-jüdischen Organisationen vorgebracht werden, sind nach Meinung von Embacher und Reiter aber nicht zutreffend. Sie nennen einige wesentliche Unterschiede: „Der Antisemitismus ist keine Staatsdoktrin; europäische Staaten und die EU verstehen sich als Antithese zur Shoah und bekämpfen den Antisemitismus; Ausschreitungen gegen Juden finden spontan und nicht von politischen Parteien organisiert statt, sie werden geahndet.“

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